Besuch bei John

Mai 14, 2011

John hatte seinen Rollstuhl mühsam an das Fenster manövriert. Regungslos war er hier gesessen, hatte kaum einen Blick übrig für die hastigen Studenten, die über die regengrauen Strasse in das Gebäude der Technischen Universität strebten, oder von ihr ausgespuckt wurden, unter dem kupfernen Vordach unentschlossen verharrten, bevor sie sich schließlich doch, ihre Mappen über die Köpfe haltend, durch die Regenschleier davonmachten. Nur hin und wieder, beim Anblick der nassen und traurigen Gartenanlage unter seinem Fenster, wurde er sich wirklich bewusst wie gerne er wieder in Ohio wäre. Dass seine Gedanken die meiste Zeit dort weilten, weit in der Vergangenheit.

Er war alt geworden, richtig alt. Und konnte sich kaum erinnern, wie es gekommen war. John war müde. Die letzten vier Tage hatten nur wenig geholfen, sich von den Strapazen zu erholen, von den Anstrengungen und der erlittenen Schmach. Sie hatten ihn herumgeschubst, ein ständiges hierhin und dorthin von Terminen, Auftritten und Konfrontationen. Es war ein Wunder, das überhaupt ausgehalten zu haben. Es war ein Wunder, dass er noch lebte.

***

Arons Knie zitterten. Haltet durch, dachte er. Beine, haltet noch etwas durch. Er durfte sich jetzt nicht setzen. Schaffte es vielleicht nicht mehr rechtzeitig, hoch zu kommen. Aaron betrachtete den Hinterkopf des alten Mannes, die wenigen grauen, kurzen Haare im Nacken und an den Rändern des gelblichen, kahlen Schädels. Er ist fertig, dachte Aron. 90 Jahre alt. Älter, als ich vermutlich je werden werde, und es sind doch nur elf Jahre. Aron schauderte. Nicht mehr für mich, dachte er. Er musste sich an der Kante des kleinen, barocken Schreibtisches abstützen, um nicht zu fallen. Aron atmete kräftig durch. Aber der Mann im Rollstuhl hatte ihn noch nicht wahrgenommen, er schien eine unmodische Statue moderner Kunst vor dem Ausschnitt eines grauen Frühlingstages. „Hallo John“, sagte Aron, doch der schien ihn nicht zu hören.

Ein plötzlicher Schmerz biss ein Loch in Arons Seite, er stöhnte auf. Nicht jetzt! Bitte nicht jetzt! Aron zwang seinen Atem zur Ruhe, vorsichtig biss er die wenigen übriggebliebenen Zähne zusammen. Er wartete auf einen weiteren Angriff in seinem Inneren. Er würde bestimmt kommen, und es dauerte selten lange. „John“, sagte er nochmal. Es klang mehr nach einem Röcheln, denn der erneute Schmerz trieb ihm Tränen in die Augen. Verdammt. Er musste! Zittrig schob er seine fleckige linke Klaue, so sah er seine gichtgeplagte Hand gerade, an der Tischkante entlag, hin zu dem abgerundeten Eck des Schreibtisches, welche nur einen Meter von dem Greis im Rollstuhl entfernt war. Eine Pause. Den linken Fuss jetzt. Er schlurfte, und sein Atem fühlte sich viel zu kurz an für sein Vorhaben, aber er würde es schaffen. Schaffen müssen! Nur nicht nochmal solche Schmerzen, bitte! Aron verfluchte sich dafür, keine Schmerzmittel genommen zu haben. Er brauchte einen klaren Kopf für seinen Besuch bei John. Es war zu wichtig. Das einzig Wichtige. Und doch, die krampfartigen Schmerzen, die jetzt mit schöner Regelmäßigkeit durch seinen krebszerfressenen schwachen Körper pulsten, raubten ihm den Verstand. Komm, dachte er, ein letztes Mal. Ein letztes Aufbäumen!

Unter Tränen hob Aron die Rechte. „Iwan, bitte!“ stieß er hervor. Dann spürte er, wie ihn die nächste Welle unsagbaren Schmerzes fortriss, während der Fußboden auf ihn zuraste.

***

Schwester Margot Krüger zündete sich fahrig eine Zigarette an. Sie stand neben dem Eingangsportal des Münchener Altenheims St. Vinzenz und beobachtete, wie die Sanitäter die zweite Fahrtrage mit Aron Silberstadts Leichnam positionierten, das Radgestell wegklappten und die Trage in dem Krankenwagen fixierten. Armer Aron. Der erste Krankenwagen, in den sie den toten Körper von John zuvor verstaut hatten, verließ jetzt den Hof. In Margots Kopf erschien das Bild des verkrümmten Körpers von Aron, so, wie sie ihn gefunden hatte, beinahe als würde er versuchen Johns Rollstuhl festzuhalten, sich darunter zu schieben oder darumherum zu winden. Ein seltsamer Anblick. Und John, der sprachlos, festgefahren und mit erstaunt aufgerissenen Augen versuchte, über seine Schulter hinweg zu erfassen, was eigentlich hinter ihm passiert war. Herzinfarkt, würden sie wohl bei ihm diagnostizieren.

Ihre Hand ertastete in der rechten Tasche das kalte Metall der Waffe, die sie Arons alten, toten und verkrüppelten Gichtfingern entwunden hatte. Ob Aron überhaupt hätte noch schiessen können? Mit einem kurzen Anflug von Zufriedenheit dachte sie an die Spritze in ihrer linken Tasche. „Ein Gruß von meinem Onkel Mo, und aus Sobibor, Iwan Demjanjuk“ hatte sie dem alten Mann im Rollstuhl zugeflüstert – ganz so, wie sie es seit drei Tagen fast jede Minute  in Gedanken durchgespielt hatte.

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Diese Kurzgeschichte entstand spontan, nachdem ich in der Sueddeutschen las: <a href=“http://www.sueddeutsche.de/muenchen/john-demjanjuk-ein-heim-fuer-den-ns-verbrecher-1.1097248″>Unterbringung in Altenheim für NS-Kriegsverbrecher.</a>
Update (Juni 2012): Obduktion ergab natürliche Todesursache, die Nachkommen des verstorbenen John Demjanjuk erstatten dennoch Strafanzeige.