Gesellschaftsdialog

März 30, 2010

ESTRAGON: Das beste wäre, mich einfach umzubringen, wie den anderen.

WLADIMIR: Welchen anderen? Pause. Welchen anderen?

ESTRAGON: Wie Millionen andere.

WLADIMIR: Jedem sein Kreuzchen. Er seufzt. Bis man vergraben ist ….
… und vergessen.

ESTRAGON: Einstweilen wollen wir uns in aller Ruhe unterhalten, da wir doch
nicht schweigen können.

WLADIMIR: Du hast recht. Wir sind unerschöpflich.

ESTRAGON: Um nicht denken zu müssen.

WLADIMIR: Wir haben Entschuldigungen.

ESTRAGON: Um nicht hören zu müssen.

WLADIMIR: Wir haben unsere Gründe.

ESTRAGON: All die toten Stimmen.

WLADIMIR: Die rauschen wie Flügel.

ESTRAGON: Wie Blätter.

WLADIMIR: Wie Sand.

ESTRAGON: Wie Blätter.

Schweigen.

WLADIMIR: Sie sprechen alle gleichzeitig.

ESTRAGON: Jede für sich.

Schweigen.

WLADIMIR: Sie flüstern vielmehr.

ESTRAGON: Sie murmeln.

WLADIMIR: Sie rauschen.

ESTRAGON: Sie murmeln.

Schweigen.

WLADIMIR: Was sagen sie?

ESTRAGON: Sie sprechen über ihr Leben.

WLADIMIR: Es genügt ihnen nicht, gelebt zu haben.

ESTRAGON: Sie müssen darüber sprechen.

WLADIMIR: Es genügt ihnen nicht, tot zu sein.

ESTRAGON: Das genügt nicht.

Schweigen.

WLADIMIR: Es ist wie das Rauschen von Federn.

ESTRAGON: Von Blättern.

Langes Schweigen.

WLADIMIR: Sag doch was!

ESTRAGON: Ich suche.

Langes Schweigen.

WLADIMIR angstvoll: Sag doch irgendwas.

ESTRAGON: Was sollen wir jetzt machen?

WLADIMIR: Wir warten auf Godot.

ESTRAGON: Ach ja.

Schweigen.

Samuel Beckett, „Warten auf Godot“

Meines Erachtens der bisher treffendste Dialog zur Zeitgeistgesellschaft.

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