Teil 2 – Die Mutter aller Verschwörungen

Mai 25, 2012

Bei einem Blick über den Tellerrand der eigenen Überzeugung geht es nur vordergründig um die Faktenschlacht, die sich die Vertreter der beiden Lager liefern. Es ist immanent, daß einerseits den Fakten misstraut, andererseits das gesunde Maß angebrachter Skepsis hinreichend überzogen wird.

So läßt sich die Frage, ob nun Marinus von der Lubbe ein Einzeltäter war oder nicht, heute nicht mit hinreichender Sicherheit beantworten. Aus dem Nutzen für die Nationalsozialisten zu schließen, sie wären auch die Drahtzieher: erscheint plausibel, ist aber nur bedingt vertretbar, wenn man etwas genauer hinsieht. Die Story aber zu einem IGF-kauft-Reichstagsbrand Plot aufzublasen ist dagegen nichtmal richtig fragwürdig [1]. Es muss einen hierbei schon wundern, daß Verschwörungstheoretiker vor allem gerne einem Hype aufsitzen – gemäß der Maxime „Think big!“. Der Reichstagsbrand gehört dazu ebenso wie das Attentat auf Kennedy. Und das Thema 9/11?

Ja, das Attentat in Dallas auf JFK stinkt irgendwie vom Kopf her. Werden wir „die Wahrheit“ jemals erfahren? Wohl kaum. Leider wird die faktische Unklarheit des Reichstagsbrandes wie die Ermordung JFKs im Laufe der Zeit, durch das mediale Geschrei der Verschwörungsbewunderer, zunehmend in den Hintergrund treten. In zwanzig oder fünfzig Jahren handelt es sich dann vielleicht bei der CIA-tötet-Kennedy-These und dem IGF-kaufte-Weltkrieg-Unsinn um historische Erkenntnis. Weitere fünfzig Jahre später könnte 9/11 als tatsächliche Verschwörung nur noch Nebensätze der Geschichte bilden:

„…, wie schon 2001 als die amerikanische Regierung durch einen blutigen Anschlag auf das eigene Finanzsystem den Zerfall der europäischen Union einleitete.“

Conspiracy-Mom

Glaubst Du des echt, daß ein Gebäude so zusammenbricht wie das World Trade Center 7 in den 7WTC Videos, ohne Sprengstoff?!“, so bringt mein Bruder seine Skepsis zum Ausdruck. Ja, ich denke schon. Bei den meisten Aufnahmen gibt es durchaus Anlass zu Stirnrunzeln, ob nicht eine Sprengung dahinter stecken könnte. Ganz ehrlich: ich könnte mir vorstellen, daß CIA und FBI, um nur zwei Mieter zu nennen, im Keller Notsprengladungen eingerichtet hatten um Daten zu schützen – und diese eventuell auch zündeten. Ich würd’s tun. Wer will schon auf offener Straße herumfliegende Protokolle von Watergate oder vom Kennedy-Attentat riskieren? Und der Presse würd‘ ich von der Sprengung dann auch nicht erzählen.

Aber sich etwas vorstellen zu können ist eine Sache, eine andere die blumige Phantasie als ultimative Wahrheit hinauszublöken. Ausgerechnet in einem Video, welches angebliche Schockwellen einer Explosion nachweisen soll, ist eindeutig zu sehen, daß das Penthouse bereits Sekunden vor dem Einsturz im Gebäude hinunterstürzt (links oben in [2]). Bei den nachfolgenden Wiederholungen fehlt das verräterische Penthouse bereits. Sprengungen sehen anders aus (explizit nochmal in [3]).

„Finde auch nur ein Bild im Internet von Wrackteilen zu dem Flug von Schanksville!“ meinte mein Bruder. Klar, kein Problem: [4] und hier [5]. Augenzeugenberichte auch? Hier [6]. Allerdings sind die gesäten Zweifel stark: der eigenartige Einschlagskrater, die geringe Anzahl sichtbarer Wrackteile auf den ersten Fotos, das scheinbare Fehlen einer großen Kerosinexplosion, das entspricht absolut nicht dem, was man von bisherigen Abstürzen im Fernsehen gesehen hat.

Dennoch: die Antworten der alternativen Theorien, nämlich wo das Flugzeug denn sonst geblieben wäre und seine Passagiere, sind mehr als unbefriedigend. Nach Landung in Cleveland im Gewahrsam der NASA? Also jetzt werden wir bitte mal wieder Ernst.

Abgeschossen? Ich hielt das für möglich. United 93 war sehr verspätet, um 9:28 konnte man bereits eine Entführung annehmen und um 9:30 waren wegen Flug 77 (Pentagon) F-16 von Langley nach Washington gestartet. Sie hätten UA93 vermutlich kurz vor der Absturzzeit 10:04h abfangen können  (ebenso wie die frisch betankte Staffel aus Otis) [7]), theoretisch. Die Authorisierung dazu ist auch etwas unklar, sie hätte tatsächlich ebenfalls erfolgt sein können. Sogar die Piloten hatten sich bereits über ein mögliches Abschußszenario während des Fluges untereinander verständigt [7]. Ein Abschuß passt aber nicht mit Augenzeugen, Traffic Control und Voice-Recorder [8] zusammen. Nicht zuletzt, aber insbesondere: warum sollte man ausgerechnet verschleiern, was nach funktionierendem System aussieht?  Eine Abschußtheorie, die einzige halbwegs plausible Alternative, macht keinen Sinn.

Wenn man, wie ich, live im Fernsehen den zweiten Einschlag, von Flug 175 im Südturm des WTC, mitverfolgen „durfte“, erübrigt sich jede abstruse Spekulation ohne Flugzeuge, mit Marshflugkörpern oder über eine Sprengung. Das ist für mich völlig absurd. Es kann vielleicht jemandem einfallen der es am Abend in den Nachrichten sieht oder aber unbedingt ein paar Kröten mit einem Buch verdienen will – oder aus Langeweile ein paar Kröten in komische Bücher investiert hat.

Cui bono

Geht man von einer Verschwörung aus, so ist die konsequent erste Frage jene nach dem Verursacher, den Verursachern. Jemand muss den Plan gemacht, sich das Ereignis ausgedacht haben. Und folgerichtig muss es ein Ziel des Planes geben. Anständige Verschwörer, die etwas auf sich halten, bleiben natürlich im Dunkeln, weil entdeckt zu werden erfahrungsgemäß nicht glücklich macht. Der Grundsatz cui bono, wem es nützen könnte, ist daher ein Ermittlungsansatz zur Einschränkung des Kreises möglicher Urheber eines erreichten Zieles, vulgo umgesetzten Planes. Betrachten wir die Folgen der Anschläge, so drängt sich der militärische Einsatz gegen Afghanistan und den Irak im Allgemeinen, die Taliban und Saddam Hussein im Speziellen auf. Die Unterstützung des Jihad, Zulauf islamistischer Fundamentalisten und Terrorzellen ebenfalls. Grundstücksspekulationen in Manhatten, die Wiederwahl George W. Bushs, umstrukturierte Innen- und Sicherheitspolitik wie etwa PATRIOT-Act sind ebenfalls offensichtliche Folgen.

Die Lieblingsthese meines Bruders bezieht sich auf den jüdischen Multimilliardär Larry Silverstein, seit Anfang 2001 Besitzer des World-Trade-Center Komplexes. Diese bekannte These, nach der die Ausführung durch Al-Quaida durch den Mossad initiiert wäre um Versicherungsgelder zu kassieren und in Manhattan modernere Bauprojekte zu fördern, sie ist soweit schon abenteuerlich und müffelt zudem nach Antisemitismus. Silverstein hatte den Komplex in Manhattan für $ 3.2 Mrd auch gegen Terror versichert (der Kaufpreis des Komplexes; diese Versicherung seit den ersten Anschlägen 1993 eine Auflage). Er musste darauf klagen, es wären zwei Anschläge gewesen, um schließlich $ 4.6 Mrd. zu erhalten [8].

Ein unvorhersehbarer, magerer Gewinn von $ 1.4 Mrd nach Milchmädchen. Sieht man von $ 150 Mio Pacht pro Jahr für Ground Zero und den Rechtskosten mal ab, ist der Neubau alleine von 1 WTC mit $ 3.9 Mrd nun eine Milliarde teurer als geplant, die Kosten für das gesamte Areal stiegen von 11 Mrd auf  14.9 Mrd Dollar (zum Teil von der Port Authority getragen, z.B. Museum) [9][10]. Demgegenüber stehen entgangene Einnahmen von voraussichtlich 12 Jahren Miete bei knapp 800.000 m² Nutzfläche der beiden Türme alleine, in bester Lage Manhattens.

Lose-loose Situationen

Um dieses Minusgeschäft möglich zu machen wurde Al-Quaida vom Erzfeind genau instruiert, auch ja die Türme zu treffen!, und zwei andere Flugzeuge – der Glaubwürdigkeit halber – einfach irgendwo pressewirksam zu schreddern. Ah .. ha.

Afghanistan hat, Stand 2001, nicht einmal Öl, den Grundstoff imperialistischer Verschwörungen. Nach dem amerikanischen Vietnam-Debakel erscheint es somit noch weniger nützlich und hilfreich für Amerika, sich auf ein bekanntermaßen guerillalustiges Völkchen am Hindukusch einzulassen. Ein teures Intermezzo also, um endlich in den Irak zu gelangen, wo es Öl bereits zum Preis eines gefälschten Nachweises von Massenvernichtungswaffen und dürftigen Al-Quaida-Verbindungen gibt. Allerdings mit dem Zins eines kompletten und demokratischen Wiederaufbaus. Das hätte man auch einfacher haben können. Und müsste Amerika dann nicht längst auch im Iran stehen, in Venezuela? Schließlich: Glaubt man wirklich, ein kleiner Zirkel um Bush junior könnte die Anschläge planen, initiieren und geheim halten um eine Wahl zu sichern oder die Aktienanteile an Rüstungs- und Sicherheitsfirmen?

Fest steht: Verschwörungstheorien üben eine ungemeine Faszination aus. Bis zu meinen ureigenen Recherchen war ich durchaus geneigt – um es milde zu formuliern – etwa die Abschußtheorie von Flug 93 als Möglichkeit anzuerkennen, die Theorie einer Sprengung von 7 WTC in Betracht zu ziehen und sogar selbst überzeugt, die Nazis würden hinter dem Reichstagsbrand stecken (der IGF-Plot war mir allerdings bereits zu abstrus).

Faszination Verschwörung

Man muß loslassen können. Ist man einmal bereit, „die Gegenseite“ unvoreingenommen anzusehen – übrigens genau das, was mich einmal zu den alternativen Theorien überhaupt hingeführt hatte – , ist es nicht weit bis zu einigen simplen Feststellungen. Die Wichtigste ist: kann die alternative Theorie wirklich mehr Fragen beantworten oder präziser antworten, statt zusätzliche Fragen aufzuwerfen? Wie dies funktioniert, und warum nicht, und: welches die wirklich interessanten Verschwörungen sind, dies werde ich versuchen im dritten Teil allgemein darzustellen.

[1] Teil 1 – die Einzeltöter
[2] Einsturz 7 WTC
[3] Screw Loose Change
[4] Wrackteile United 93 und hier aus dem Prozessbericht
[5] Originale
[6] Augenzeugenberichte zu Flug 93
[7] Timeline, mit Flug 93 als Filter
[8] Recorder-Daten von Flug 93 (Speziell für meinen Bruder, der selbst Pilot ist)
[9] Silverstein Properties, Versicherung und die aktuelle Situation
[10] Kosten des Neuaufbaus und die aktuelle Situation (2)

Abbildungen: Umfrage zu 9/11 Urhebern (Quelle: WorldPublicOpinion.org), Wrackteil UA93 [4], Zwillingstürme (Quelle: Wikipedia/Jeffmock)

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2 Responses to “Teil 2 – Die Mutter aller Verschwörungen”


  1. in meiner Familie gab es auch ähnliche Diskussionen.

    zwar nicht bei 9/11, aber z.B. beim Kennedy-Attentat und beim Balkankrieg.

    ich hatte auch einen Beitrag mit dem selben Titel verfasst:

    http://aron2201sperber.wordpress.com/2009/08/01/die-mutter-aller-verschworungen/

    • neglectable Says:

      Interessante biographische Beleuchtung von L.H. Oswald, danke. Tatsächlich habe ich überlegt, ob das Kennedy-Attentat die Mutter … na, vielleicht doch eher die Großmutter. ;)


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