Das große Ganze

Mai 10, 2012

So. Weil mein kleiner Bruder sich neulich allen Ernstes geoutet hat, abstrusen 9-11-Theorien anzuhängen, habe ich beschlossen hier wieder etwas aktiver zu werden. Lese und lerne, Kleiner! Doch zuerst: ein Jahr ist vergangen, höchste Zeit für einen Jahresrückblick auf die unglaublich weltbewegenden Dinge:

Der FC Bayern schafft das historisch einmalige Finale Dahoam und kann den Borussen doch nicht den Schneid abkaufen. Fans, Klopp und seine Kloppisten kommen einfach sympathischer rüber gegen die bayrische Fußballindustrie. Trotzdem: Respekt. Ich sage das als ’60er, dessen Verein gerade von Industrie und Sympathie ungefähr soweit weg ist wie Mittelalter und Dominique Strauss-Kahn. Autsch! Nehmen wir besser die Aufklärung und Newt Gingrich, wir wollen es nicht übertreiben. In der Ukraine wird großer Fussball gespielt werden, getrennt von der kleinen Politik. Die bleibt zu Hause, oder erholt sich vom Hungerstreik. Gewinnen eben die Polen. Trotzdem gutes Marketing von der kleinen Timoschenko.

Der kleine Nick, Anhängsel des Merkozy, musste seinen Stuhl dem blassen Hollande in Frankreich überlassen. Hollarkel? Die Börsen finden Sozialisten in Frankreich nicht so cool wie den ADS-geplagten Kugelblitz. Aber Merkel und Hollande werden sich bestens verstehen, immerhin hat die Dame Wahlkampf für ihn gemacht – ohne es zu wollen, indem sie seinen Gegner unterstützte. Merkel ist sowas wie unsere weiche Thatcher, die Alu-Lady der Deutschen. Sie vertritt konsequent ihren Kurs, bis es heiß genug wird. Jetzt ist ja Wachstum ihr neues Modewort, aber strukturell und nicht auf Pump, Monsieur. Ich stöhne nichtmal mehr, wenn sie in die Kameras trötet, es gäbe jetzt wirklich nicht mehr Geld für die Südkurve. Wir Deutsche lieben unser Kanzlerin trotzdem, weil die politische Landschaft keine Alternative bietet. Oder weil die Griechen, Spanier, Italiener und Franzosen sie hassen.

Ja klar, die Piraten sind die Alternative. Die festverdrahtete Ahnungslosigkeit der digitalen Volksmasse als politische Position, das ist so regierungsfähig wie ein Vollwaschmittel. Wollen wir garnicht, hört man aus deren Reihen. Ähm, bitte das Parteiengesetz nochmal lesen. Aber die Piraten in den Landtagen sind ja nur Proxy, per twitter ferngesteuert vom gemeinen Ottonormaluser aus der Mitte der Gesellschaft. Keine Partei, sondern eine neue Methode der politischen Einflussnahme. Vielleicht doch nur eine Lobby der Urheberrechtsverletzer. Im Mutterland der Idee bereits auf 15% Ihrer Mitglieder geschrumpft wird der Berufspirat sich hierzulande vielleicht auch bald arrangieren müssen.

Na gut, ich tue ihnen etwas unrecht, den nerdigen Weltverbesserern. Eigentlich haben sie ja zu allem eine Meinung, sogar drei, vier, viele Meinungen. Es ist immerhin unterhaltsam, die Volksvertreter in den Talkshows zu sehen, wie sie völlig verunsichert die Smartphones konsultieren um zu erfahren, was sie jetzt gerade eigentlich denken sollen. Genügt es eigentlich nicht, daß Politik auch ohne Euch ein opportunistisches Fähnchen ist, bei dem nicht mehr gilt, was gestern noch Hip war? Egal ob das Rente oder Atomstrom ist. Der NRW Spitzenkandidat der Piraten jedenfalls erzählt neulich bei Raab mehr über seine Band und deren CD als über Politik, weil wohl sein iPhone keinen Hotspot fand. Interessant. Wie ist das mit der Realpolitik, Herr Kretschmann, mit Stuttgart 21 und aufgebrachten Nukleartechnikern? Von Verdienstordensverleihungen und Messebesuchen abgesehen ist es hier ziemlich still geworden.

Quasi-Gleichzeitig wird in der ARD richtig große Erklärungspolitik betrieben. Ex-Präsi von Weisäcker, vielleicht der einzige Bundespräsident bis Gauck, der altehrwürdige Scholl-Latour, vom Spiegel als „der letzte Welterklärer“ geehrt und doch mittlerweile eine Labertasche ohne Ideen für seinen Ruhestand, sowie histo-prof Baring und der kleine Augstein diskutieren bei Maischberger schonmal Deutschland-Frankreich-Polen als Kern-Kerneuropa. Vor einem Jahr noch ein No-Go. Untergegangen sind dabei die lustigen Reaktionen auf die Frage, ob die Türkei jetzt in die EU … Wie bitte? Scheint kein Thema mehr, dabei ist die Türkei ein Wachstumsland gegen welches die deutschen Zahlen nach Rezession riechen.

Keine lustigen Reaktionen mehr gibt’s auf das Ex-Tabu-Thema „Griechenland raus“. Für alle völlig überraschend hat ja das Mutterland der Demokratie die EU und Frau Merkel einfach mal abgewählt. Sparen ist der Griechen Sache nämlich nicht. Regierungsbilden unter diesen Umständen leider auch nicht, und so versinkt das Chaos im Chaos. Das war einfach zu früh, Herr Hollande hätte Frau Merkel schon noch ein paar Euros oder andere Kompromisse auch für die südländischen Steuerverweigerer aus der Tasche geleiert. Hat jetzt Merkozy eigentlich das Schengen-Abkommen bereits ausreichend unterhölt, um die zu erwartende Völkerwanderung der Griechen nach Norden rechtzeitig zu unterbinden, oder gibt es Begrüßungsgeld? Die Griechen sind die neuen Ossis. Solche Vergleiche wird man dieses Jahr noch öfter zu hören bekommen. In der Dokumentation „Die Griechenland-Lüge“ des ZDF waren Bilder aus griechischen Finanzämtern zu sehen, die jenen aus dem Stasi HQ von ’89 erschreckend ähnelten. Schlag-mich-Raab erklärte neulich lax den Ossi als Geisteshaltung (ich erinnere mich dunkel, daß die Idee so neu nicht ist, nach 20 Jahren). Es mag jeder selbst entscheiden, ob es hier Parallelen gibt – ich schlage aber mal Hellassi vor für ein eigenes Griechen-Klischee. Wer’s braucht.

Herr Guido Westerwelle, – Sie erinnern sich, der spaßige Außenminister? – hat festgestellt, daß die Zukunft der Währungsreform „in den Händen Griechenlands“ liege [1]. Vor einem Jahr wären Sie in der Regierung für solche Sätze erschlagen worden, Herr Westerwelle. Sein luxemburgischer Kollege möchte sogar „jetzt hier aus Brüssel dem griechischen Volk sagen, dass es ernst ist“ [1]. Also: absolut Schluss mit lustig. Jetzt! Sagt Brüssel!

Derweil ist in den USA Wahlkampfjahr. Die Republikaner haben sich in der Kandidatenkür hinreichend selbst zerfleischt und brauchen schon eigene Spione (*) bei der Al-Quaida, in explosiven Unterhosen, um ihren Terrorhype wiederzubeleben. Da kann Barrack schonmal gelassen die Homo-Ehe gut finden. Die Ratingagenturen bereiten inzwischen leise die nächste Bewertung für Europa vor, damit die Ablenkung von der US-eigenen Misere rechtzeitig zum Urnengang fertig ist.

Im Mekka des Outsourcing, China, stellt sich ein leichter Kater ein, nach der Trunkenheit des Booms. Zwar ist die Immobilienblase noch nicht geplatzt, aber die Wirtschaftsdaten waren schon einmal rosiger. Nicht daß da jetzt wieder so alte Themen wie Menschenrechte durchblitzen würden. Wenn sich die Dissidenten nur mal an ihren Hausarrest halten würden.

Was war noch? Ach ja, Nazi-Mörder unter uns. Wie kann das sein, wo doch schon jeder Furz überwacht wird? Wir brauchen dringend mehr Daten, staatliche Trojaner und Kameras überall! Das hülfe auch gegen die Rechtsaußen von Pro NRW, die sich zuvor mal kurz der Salafisten bedient hatten um endlich Aufmerksamkeit im Wahlkampf zu erlangen – soll gegen die Pleite helfen, denkt sich NRW Innenminister Klaus Jäger [2]. Die radikalen, randalierenden Salafisten haben dagegen jemanden zum Verpetzen gefunden, um die Aufmerksamkeit von sich … äh .. nein? … naja, eine loose-loose Situation eben. Aber das mit den Kameras, Datas und Trojaners werden Euch die Piraten schon austreiben, gell? Immerhin, die Provokation der Salafisten zur Aufbesserung der Pro-NRW-Kasse qua Presserummel ist ein netter Plot.

Energiewende. Die wendet zunehmend stiller vor sich hin. Die Solarbranche hat sich zum Teil sogar schon ausgewunden. Nachbarländer und andere bauen munter nukleare Stromerzeuger. Da kommt es gerade recht, daß der Club of Rome seine vierzig Jahre alte Kassandra-Schrift durchblättert und etwas modernisiert, und daß deutsche Wissenschaftler herausfinden, daß dieses verdammte Weddeleis hinterlistig von unten schmiltzt – also viel schneller. Meine RWE-Aktien könnten sich auch endlich schneller wenden.

War sonst nochwas? Wieder alles vernachlässigbar?

Fazit: Fazit ist heute aus. Kommen Sie morgen wieder.

[1] SZ: Deutschland droht Griechenland mit Ende der Hilfszahlungen
[2] Jäger’s Verschwörungsthese  und Medienperzeption bei Pro-NRW
[*] und nichtmal eigene Spione: Doppelagent war vom britischen Geheimdienst (Update). Die technologische Qualität der Unterwäsche ist übrigens extrem beängstigend, heißt es dort. Hoch genug, um einen Plot der Nacktscanner-Industrie zu vermuten. Frohes Gelingen!

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