Die twitternde Zunft und die Wahrheit

Mai 11, 2011

SPIEGEL Autor René Pfister wurde der Henri Nannen Preis für die beste Reportage aberkannt. Im weiteren Sinne geht es um die Wahrheit in der Presse – und im Internet.

Der SPIEGEL reagiert mit Unverständnis auf die Aberkennung des Egon Erwin Kisch Preis, der Kategorie beste Reportage des Henri Nannen Preises, für seinen Redakteur René Pfister [1]. Der Vorwurf, Pfister habe mit einer Szene eingeleitet, die er nicht selbst so erlebt habe [2], wird von der Jury selbst nicht als tragisch bewertet, aber man habe als Preisträger ja Vorbild-Funktion.  Über diese Randnotiz des Alltags hätte ich vermutlich hinweggelesen, sie sogar ignoriert, wenn nicht zuvor eine muttertägliche Radiosendung mich allgemein nachdenklich gemacht hätte [3]. Darin ging es um die Orientierung der Presse im Zeitalter Internet und, am Rande, um Autoren wie Dich und mich – Journalisten, die keine sind oder sein wollen. Oder zumindest nichts daran verdienen.

Pfister hätte in der Passage den informellen Second-Hand-Charakter (stärker) deutlich machen müssen, lautet sinngemäß der Vorwurf der Henri Nannen Jury. Interessant. Es verhält sich also so, dass man sich mit einem Satz wie „Er hat Schmerzen“ disqualifiziert, weil „Er verzog das Gesicht und stöhnte, als hätte er Schmerzen“ die korrekte Darstellung des Selbst-Erfahrenen wäre. Ich bin kein Spezialist für Stilmittel in Reportagen. Wieviel Selbsterfahrung wird denn so verlangt, etwa von einem Krigsberichtserstatter?

Mir geht es dabei, und viel mehr im Allgemeinen, um die Wahrnehmung von Zusammenhängen und die Aufnahme oder Verarbeitung von Information. Anders ausgedrückt: Was ist die Wirklichkeit? Früher war, wie konnte es anders sein, alles besser. Nachrichten und Geschichten erfuhr man über Briefe, den Telegraphen und aus der Zeitung als die Welt noch weit war. Mit dem Radio und Fernsehen war in meiner Jugend Australien schon näher gerückt und nun, da sich die Formate mit dem Internet rumprügeln, sprechen wir vom globalen Dorf. Morgen vielleicht von der Welt als digitales Wohnzimmer und übermorgen von iWorld oder dem external-me. Jedenfalls hatte man in meiner Jugend wenig alternative Quellen.

If you don’t read the newspaper, you are uninformed.  If you do read the newspaper, you are misinformed.

Mark Twain zugeschrieben, evtl. T. Jefferson

Man muss es vielleicht mal so herum betrachten: heute haben wir Zuviel. War der zweite Weltkrieg nur möglich, weil alternative Quellen zur Propaganda der Nazis für die Massen einfach fehlten? Freie Meinungsäußerung gilt seither als heiliger Gral, den bitteschön auch die Syrer und Chinesen mal anfassen müssen. Als Jeder-mit-jedem Vollvermaschung kann das Inter-Net ein Anti-Babel der Menschheit sein, ein Kelch aller möglichen Nachrichten und Meinungen.

Die technologische und informelle Entwicklung des Menschen hat mit dem Netz den Satz Arthur Millers zur Makulatur werden lassen, eine gute Zeitung wäre eine Nation, welche mit sich selbst spricht (A good newspaper, I suppose, is a nation talking to itself). Es ist die Welt im Selbstgespräch. Das Internet ist das wirklich erste offene Massenmedium, welches diesen Namen auch verdient.  Open-Source-Erkenntnis 1.0.

1.0 ist natürlich nicht Neu. Auch nicht neu ist die schnöde Erkenntnis, dass diese Vielfalt für ein einzelnes, kleines menschliches Gehirn zu viel Information ist. Buffer Overflow. Mir drängt sich dabei die Szene aus Luc Bessons „Das fünfte Element“ auf, bei der Milla Jovovich als besagtes Element aus dem seltsamerweise alphabetisch organisierten Internet über die Menschheit lernt – ohne zu explodieren.

Wer also ist der Kerl, der soviel, sowas zum Teil höchst Widersprüchliches da rein schreibt? Ich geb zu, ich bin’s. Und Du. Und all die anderen vollvernetzten Masterminds, die ihre wertvolle Zeit, ihre analytisch-scharfen Kommentare und all ihr brilliantes Wissen in den Dienst der aufgeklärten Menschheit stellen. Und sie damit verdummen.

Who write the dramatic critiques for the second-rate papers? Why, a parcel of promoted shoemakers and apprentice apothecaries, who know just as much about good acting as I do about good farming and no more. Who review the books? People who never wrote one. Who do up the heavy leaders on finance? Parties who have had the largest opportunities for knowing nothing about it. Who criticise the Indian campaigns? Gentlemen who do not know a war-whoop from a wigwam, and who never have had to run a foot race with a tomahawk, or pluck arrows out of the several members of their families to build the evening camp-fire with. Who write the temperance appeals, and clamor about the flowing bowl? Folks who will never draw another sober breath till they do it in the grave.

Mark Twain in „How I Edited an Agricultural Paper“

Das ist also auch nichts Neues. Nur noch viel Schlimmer, denn das Existierende wird ja auch immer weiter aufgenommen, neu gekaut, verdaut, und als das eigene geistige Eigentum dem geschätzten Leser mit einem Rülpser nochmal auf den Teller gespuckt. Und wieder, und nochmal von Jenem und hier am Rand noch etwas dekoratives halbverdautes Geseier. Und wenn der Leser satt ist, dann wird er zum Autor und macht seinen Haufen auf die Teller der Anderen.

Auch wenn dieses unappetitliche Bild keine Qualitätsbewertung sein soll, es trifft schön den impliziten Prozess der Informationserstellung. Oder Informationsreduzierung. Oder auch Informationsverfälschung. Mithin die Beliebigkeit von Informationen. Der ausgebildete Journalist schreibt dann, dass die Nachrichtenlage unklar wäre, man versucht mit noch mehr Information die Lage zu (ver)klären, bis sich der Rezipient schließlich durch zahllose weitere Quellen ein vollständig klares Bild der Unklarheit machen kann, mit dem er seine Mitmenschen infizieren darf. Von Meinung ganz zu schweigen.

Ach ja, der Leser! Das Opfer der Informationsverschwörung. Die wehrlose Zielgruppe. Die gequälten und malträtierten vor den tweets verhungernden Nachrichtenjunkies und die gemästeten Facebook-Süchtler sind nur die extremste Vertretung der vergewaltigten Informationskonsumenten auf der Suche nach letzter Wahrheit. Dass es diese nicht gibt, sollte auch dem hinterletzten Idioten jetzt deutlich geworden sein!

Halt mal. Der überforderte Mensch im Whirlpool seiner Informationsquellen sucht sich doch aus, was er braucht zum Glücklichsein. Er schafft sich seine Wirklichkeit. Sucht sich die Wahrheit aus dem Strom wie man aus dem Fluß einen Becher gegen den Durst nimmt, statt das gesamte Wasser zu trinken. Seine Wahrheit. Oder? Sie glauben doch nicht, dass der Talibanschüler die Interviews von Barak Obama als Quelle seiner Weisheit nutzt, statt der Märtyrer-Rede auf Al Jazeera? Kennen Sie denn überhaupt eine Nachrichten- oder Meinungsseite der Taliban? Eben.

Wir glauben, was wir glauben wollen. Reality Mining. Ein treffendes Wort. Ich habe es mir bei Technology Review ausgeliehen, wo es in einem nur wenig anderen Kontext benutzt wird (die haben es vom MIT): die Realität, welche sich die Internet-Giganten wie Apple, Facebook, Google usw.  aus unseren Daten destillieren. Also wiederum deren Wahrheit über uns arme Konsumentenschweine und Werbezielfiguren [4]. Reality Mining funktioniert also in beide Richtungen zwischen Mensch und Informationssphäre. Reality Mining ist notwendig – zumindest in der Richtung Information zu Mensch – damit uns der Kopf nicht platzt. Aber es verhindert auch eine ganzheitliche Erfahrung der Wirklichkeit. Je nachdem, was schneller kommt. Raten Sie.

Das Fazit lautet: der Mensch hat letztlich keine Chance. Nicht gegen industrialisierte Information. Er existiert in seinem, einem der rund sieben Milliarden informeller Parallel-Universen auf der verzweifelten Suche nach einem Informationswurmloch, vielleicht in das Schönere der Angrenzenden. Fast sicher aber in das Ähnlichste.  Ist das nicht schrecklich?

Gegenfrage: war das nicht immer schon so? Oder: Ist dies wirklich ein Effekt nur der digital-vernetzten Medienwelt? Der Mensch ist halt der Mensch ist der Mensch. Egal, ob online oder offline. Das ist kein Trost, Herr Pfister, ich weiß. Die Jury lebt in einer anderen Realität. Ich auch, denn mir gefällt Ihre Reportage halbwegs – vorgeschlagen hätte ich sie aber nicht. Und die Vielen da draußen, diese Myriaden, die Ihr Eure Nasen an der Blase Eurer eigenen kruden, schäbigen Info-Realität aus Verschwörungstheorien und Binsenweisheiten platt drückt und wohl niemals ein Wurmloch zu meinem Artikel findet, wacht endlich auf und … ach, sei’s drum.
:-)

[1] Aberkennung und Stellungnahme
[2] Reportage Am Stellpult und ein wenig zu neidvoller Bericht der Sueddeutschen
[3] Leider find‘ ich um’s verrecken keine Programminfo oder auch den Podcast dazu. Könnte Bayern 1, 2 oder 5 gewesen sein – ich saß im Auto.
[4] Technology Reviews Reality Mining und dergleichen bei telepolis.

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5 Responses to “Die twitternde Zunft und die Wahrheit”

  1. H. Oswald Says:

    Wie lustig: Die Jury muss abtreten laut SZ.

    Auch wenn Sie keinen Preis dafür bekommen, die Hinführung zu Ihrem Thema von der Pfister-Affäre ist mindestens mal bemerkenswert. Schön, dieses Wurmloch getroffen zu haben. Ich finde die Sichtweise aber irgendwie entmutigend: hat sowas Matrix-haftes, ohne diese wie Neo verbiegen zu können. Ist dann eh alles egal, weil man sich seine Realität einfach so tapeziert, wie’s schön ist?

    • neglectable Says:

      Wie meine Leser mit ihrer Wirklichkeit umgehen, habe ich nicht in der Hand. :)

      Für mich sind solche Erkenntnisse eher Anlass zu mehr Gelassenheit und Toleranz gegenüber anderen Meinungen oder Sichtweisen. Andere mögen sich eher in einen fokussierten Glauben flüchten, Rettung in Depression suchen oder Pillen nehmen. Meinetwegen auch Tapeten. Ignoranz scheint auch zu helfen. Ich selbst empfinde es nicht als entmutigend. Eher spannend, wie der Mensch mit seinen Wirklichkeiten umgeht.

      Danke für das Update.

  2. neglectable Says:

    Egoversum. Das ist das richtige Wort. Jaja, das gibt’s schon, sagt Google – aber nicht richtig und mit großartiger Bedeutung, sage ich.


  3. […] Das kleine Fernsehspiel: Alice 5.0 [2] Egoversen [3] Aus dem Leben des Abgeordneten Malte Spitz [4] facebook Nutzerbedingungen [5] Google […]


  4. […] Egon-Kirsch-Gate [2] Watergate [3] Wulffgate [4] Pulitzer [5] Süddeutsche Zeitung lieber […]


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