Wieder Zeus: Über das Reiten toter Pferde

Mai 9, 2011

Nach einem Sinn-vollen Vorstoss wehren sich Politik und Experten vehement gegen Andeutungen zum Ausstieg Griechenlands aus der Euro-Zone. Wieso eigentlich? Ist ein langer, schmerzvoller Tod jetzt der Schönere?

Wenn du entdeckst, dass du ein totes Pferd reitest, steig ab. Dieser zu naheliegend erscheinende Satz wird den Dakota-Indianern zugeschrieben. Die Apologeten höherer Managementkünste haben ihn als Warnung verdrechselt, man möge irgendwann aufhören und was anders machen, wenn’s – zu lange – nicht so läuft [1]. In Griechenland und andernorts ist man nun empört über die Weisheiten des Herrn Hans-Werner Sinn, seines Zeichens Ifo-Chef und wirtschaftlich nicht ganz unbeschlagener Professor mit Einfluss, und bekanntermaßen Euro-Skeptiker. Der hatte sich kürzlich erdreistet meine Meinung mit deutlich mehr Fachkompetenz zu vertreten und vorzuschlagen, die Griechen zu retten, statt Europa sterben zu lassen. Wir zwei, Herr Sinn mit entsprechender Kompetenz und ich hatten bereits im vorigen Jahr ein paar Haushaltstipps  zur Rettung der Ehe Europas mit Zeus parat [2], die in die gleiche Richtung gingen: Die Griechen sollten sich doch kurzfristig auf die Drachme zurückbesinnen (müssen). Die europäische Großfamilie sollte den notorischen Säufer vor die Tür setzen.

Als Politiker, Kommentatoren und solche die es werden wollten dies damals hörten – gemeint ist da mehr der Experte, obwohl auch meine Leserzahlen erfreulich waren – gab es einen Aufschrei und heftigstes Abwinken. Ist ja auch nicht passiert, wie man heute weiß. Man hat das tote Pferd also weitergeritten, eine teurere Peitsche gekauft und die Kriterien, nach denen ein Pferd tot ist, geändert. Wir haben festgestellt, dass anderswo die Pferde auch nicht so ganz frisch sind und man überlegt nun, das Reiten toter Pferde nun als normalen Hindernisritt zu postulieren. Besagte Empörer, nebenbei allesamt wesentlich beschlagenere Vertreter der Gattung Oeconomicus als ich, argumentieren heute „zugunsten“ des abgehalfterten Gauls wie folgt:

Die Griechen würden die Banken stürmen, um sich vor der Abwertung mit Euros einzudecken und die Auslandsschulden der Unternehmen, zu bezahlen in Euro, kämen diesen in Drachmen teuer zu stehen. Leicht untertrieben, Herr Krämer (Chefvolkswirt der Commerzbank). Dies denkt auch EZB-Ratsmitglied Ewald Nowotny und hält es demzufolge für undenkbaren Unsinn. Die (direkt) betroffenen Griechen, wütend vertreten durch ihren nach Zeus wichtigsten Mann Ministerpräsident Papandreou halten solche Szenarien sogar für beinahe-kriminell. Das Ende des Euro (-Raumes) wird prophezeit, da andere Mitgliedsstaaten dem folgen könnten (u.a. Gustav Horn, Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung) [3].

Das ist natürlich harter Tobak. Aber allein weil man bereits Gedachtes als undenkbaren Unsinn bezeichnet oder sogar das Recht beugen würde für eine Verurteilung anderer Meinung, hat man noch kein Sachargument. Es stimmt dagegen wohl, dass ein folgender Bankenrun und einige/viele Unternehmenspleiten Griechenland heftig zusetzen würden. Dass Griechenland mit einer abgewerteten Drachme allergrößte Schwierigkeiten hätte sowohl Gläubiger in Euro zu bedienen als auch neue Schulden aufzunehmen ist wohl ebenfalls klar.

Andererseits ist in Griechenland mit Massenentlassungen, Sparkorsetts nach viktorianischem Muster und Sozialabbau die Welt gerade eh nicht in Ordnung. Die griechische Staatsanleihe wurde im April mit über 18% Rendite gehandelt und ihr Kursverlauf, hier über 5 Jahre deutet nun wirklich nicht darauf hin, dass die Griechen an dringend benötigtes Geld kommen würden – oder ihre Gläubiger wieder an Selbiges.

Entwicklung griech. 5 Jahres-Anleihe seit 2006

Entwicklung griech. 5 Jahres-Anleihe seit 2006

Dass durch die sozialen und wirtschaftlichen Einschnitte ein Bürgerkrieg droht, wie Sinn bemerkte, ist da vergleichsweise nebensächlich: Das Land ist de-facto pleite. Das Pferd ist tot. Schlimmer noch, der Schuldenvirus hat Teile der Herde bereits infiziert.

Das heißt nicht, dass man Griechenland nicht helfen sollte. Es geht um die Erkenntnis der Dakota und darum, dass ein längeres Herumreiten auf einem toten Gaul – und damit ist die Art der Hilfe gemeint – weder dem Tier noch der Gemeinschaft dient. Wir haben’s versucht, es hat nicht geklappt. Lasst uns was anderes versuchen. Auch hier gibt’s natürlich Sprengstoff, die Auswirkungen für Griechenland sind vermutlich sogar ähnlich drastisch. Aber die Argumentation, dass durch das same-procedure-as-last-year Verhalten und vor-sich-hin-Merkeln Schaden von der europäischen Familie abgewendet werde, ist pure Spekulation. Ich glaube nicht, dass dies heute jemand vernünftig abschätzen kann. Dass mindestens europäische Banken, die EZB und vermutlich der Euro auch im Austrittsfall wohl Federn lassen müsste, soll nicht verschwiegen werden.  Herr Sinn muß nicht Recht haben, wenn er vom „kleineren Übel“ spricht, aber er könnte Recht haben. Ich halte es für wahrscheinlicher, wenn man die Nase mal ans Pferd hält. Ich plädiere für: umsatteln.

Natürlich muss die Familie weiterhin Unterstützung leisten, da wird man nicht drum rum kommen. Aber sowohl für das Selbstverständnis als auch für die Wettbewerbsfähigkeit – und nicht zuletzt für den Rest der Euro-Zone – wäre ein Schnitt der bessere Schritt. Eine Sammlung von (guten) Argumenten gibt’s unter [4], Pro & Contra. Dagegen hier noch ein Beispiel, wie man aus einem toten Pferd ein besseres, billigeres und effizienter verwesendes Pferd machen kann:

Großbritanniens Finanzminister George Osborne äußerte in der BBC die Vermutung, Griechenland brauche womöglich weitere Finanzhilfen der Euro-Länder. „Wir wollen uns sicher nicht an einer Rettung, einem zweiten Rettungspaket für Griechenland, beteiligen“, wehrte er eventuelle Begehrlichkeiten schon mal ab.[5]

Was sagt eigentlich die Vertragslage dazu? Griechenland kann natürlich gar nicht aus der Euro-Zone aussteigen. Ein totes Pferd hat die Natur nicht vorgesehen. Da haben wir’s wieder.

[1] Wie man mit toten Pferden umgeht
[2] Bereits erschienen zum Thema:
Mein Grieche sagt: „Wieso eigentlich …?“, Kalinichta, Europa gibt Zeus den Laufpass, Update: Dunkle Ahnungen am Sonntag, Vom Schmerz, Recht zu haben (1)

[3] Die Weiterreiter
[4] Pro & Contra
[5] Grossbritannien zahlt nicht gern

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