Wie naiv darf man eigentlich sein?

Mai 4, 2011

Jetzt (erst) geht es richtig los, hinsichtlich der Todesumstände des Herren Osama Bin Laden. Hatte Pakistan seinen Aufenthaltsort gekannt? Würde dies das Verhältnis zur westlichen Welt belasten? Hat Waterboarding als Foltermethode zur gescheiterten Ergreifung des Top-Terroristen geführt? Antworten auf diese Fragen, und auf solche, die sich so noch nicht stellen.

Osama bin Laden ist ein verstoßenes Kind des amerikanischen CIA – das ist mittlerweile Allgemeinbildung. Dass sich die Waise andere Adoptiveltern suchte, als die Amerikaner vom Hätscheln zum Prügeln übergingen, erscheint da naheliegend. Zunächst in Afghanistan wohl gelitten, bis Onkel Sam den Boden zu sehr erhitzte, musste sich das nunmehr zu trauriger Berühmtheit gewordene schwarze Schaf der ehemaligen CIA-Handlanger nach einer sicheren Bleibe umsehen. Die smarten Experten unserer deutschen SPD spekulieren nun, ob Osamas Aufenthalt in Pakistan den dortigen Behörden wohl bekannt gewesen sein könnte [1]. Aber, meine Herren!

Was ist denn das für eine blöde Frage? Dass sich ganze Brigaden von Taliban auf der pakistanischen Seite der afghanischen Grenze dort von den Strapazen in Afghanistan erholen, der orthodoxe Islam in Pakistan so verbreitet ist wie das Christentum im Vatikan, das bietet da keine Hinweise, nein? Ein Land mit dem Selbstverständnis einer Atommacht lässt sich auch gerne von den USA als Marionette vorführen, die in Sicherheitsfragen einfach zu doof für Grenzsicherung ist, nicht wahr? Hat ja auch nur einen der „mächtigsten und am besten ausgestatteten Nachrichtendienste der islamischen Welt“ ISI[2], der nie [3] in den Verdacht geriet, mit der Al Qaida je etwas zu tun zu haben. Die Antwort ist also ein klares Nein, ebenso wie der BND niemals Eichmanns Verbleib nach 1950 kannte.

Mit der gleichen Ignoranz stellte die Süddeutsche die Frage, ob das 2009 in den USA verbotene Waterboarding eine Spur lieferte [4]. Darin wird der Republikaner King zitiert, daß Waterboarding entscheidende Informationen geliefert hätte. Sowas! Wir haben uns natürlich alle vorgestellt, dass der Deckname des Kuriers einem Guantanamo-Häftling beim gemütlichen Kaffee-Plausch mit Mr. President Bush persönlich einfach so rausgerutscht war.

Im Gegenteil: Der 183 Mal gefolterte Khalid Scheich Mohammed habe sich besonders unkooperativ gezeigt und den Kurier als „im Ruhestand“ und „von geringer Bedeutung“ bezeichnet.

Sueddeutsche Zeitung [4]

Man sieht schon, die grausamste Foltermethode bringt rein garnichts – die Jungs bleiben einfach unkooperativ, selbst nach 183 mal waterboarden. Genausoviel oder wenig hat die Gründung von Geheimdiensten im Allgemeinen etwas mit dem Auffinden des Verstecks zu tun. Wie der Bundesinnenminister jetzt gerne die Anti-Terrorgesetze verlängern würde, so hätten die Republikaner jetzt gerne wieder ein bisserl Waterboarding erlaubt – that’s all.

Ich darf schon den Kopf schütteln ob der Naivität mit der hier – wenn nicht glasklare so doch höchstwahrscheinliche – Sachverhalte als neueste Erkenntnisse geadelt werden. Dabei hat das nichtmal was mit Verschwörungstheorie zu tun, ganz im Gegenteil. Diese entsteht erst durch die dillettantischen Versuche das Offensichtliche zu verdecken und zu vertuschen. Wenn den Leuten klarer und transparenter wäre, daß Völker, Staaten und ihre Vertreter (auch) dedizierte Interessen haben und diese ebenso hartnäckig verfolgen, wären die Verschwörungstheoretiker garnicht zur Spekulation verleitet. Eigentlich schon fast unfair, die hoch kreativen Verschwörungstheoretiker für das gesamte spekulative Grundrauschen verantwortlich zu machen.

Was wäre denn passiert, wenn die USA nach der Aktion nicht „Geronimo“ in die Welt gebrüllt hätte? Keine Nachricht. Behauptungen von Anwohnern, Experten, Taliban und evtl. Gefolgsleuten zum Tod Osamas, besonders zu seinen Umständen hätte kein Schwein geglaubt. Man hätte es als Propaganda und Verschwörungstheorie beschmunzelt – na und? Ganz neu. So aber muss man nur mal kurz nachdenken, wie sich die Welt bisher gedreht hat um zu wissen, wie sie sich weiter drehen wird.

Wie geht’s nun weiter? Die Pakistani werden in einigen Monaten den Löwen ein paar Offiziere zum Fraß vorwerfen und die USA werden Ihnen weiterhin das Vertrauen aussprechen – offiziell, mit auf dem Rücken gekreutzten Fingern. Westliche Staaten werden die Gelegenheit nutzen, Ihre Überwachungs- und Sicherheitsmaßnahmen und -gesetze wieder auf Vordermann zu bringen. Die USA werden etwas präsentieren, was Fotos oder Videos von Leichnam und Bestattung sein könnten – aber nicht müssen, damit sich der Mob weiter so seine naiven Gedanken über die volle Wahrheit machen kann. Business as usual also. Die ohnehin weitgehend autonomen Zellen der Al Qaida werden einen weiteren Grund haben, sich und andere wegzubomben, weil sie es nicht besser wissen, und die betroffenen Regierungen werden weiter Ängste schüren und wie gewohnt reagieren, weil sie es auch nicht besser wissen. Man braucht sich so wie die Hamas Israel braucht und umgekehrt. Am Ende ist alles Nichts und selbst das ist vernachlässigbar, weil die Wahrheit ein vieldimensionales Gebilde ist. Diese wahnsinnige Erkenntnis hatte im Kern gerade Gockel Sascha Lobo, in seiner endlich mal lesenswerten Kolumne [5].

[1] Handelsblatt: Labiles Pakistan
[2] ISI (Wikipedia)
[3] ISI kooperiert mit al-Qaida
[4] SZ: Führte Waterboarding die USA auf Bin Ladens Spur?
[5] Sascha Lobo: Im Netz der Besserwisser

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