Osama verschwunden- Politik jubelt

Mai 4, 2011

Verwunderlich: dass die USA ihre Aktion überhaupt an die große Glocke hängen. Dass die Leiche sang und klanglos verschwindet.  Und: dass sich die deutsche Regierungschefin über tote Wahhabiten freut.

Die Welt war ja mal wieder sehr aufgeregt, emotionaler Karneval zum Tod eines Terroristen*.

Ich bin heute erst einmal hier, um zu sagen: Ich freue mich darüber, dass es gelungen ist, bin Laden zu töten. […] Das ist das, was jetzt für mich zählt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel [1]

Wieso sollte man als Regierungschef auch nachdenken, bevor man sowas vom Stapel lässt? Das Volk der Dichter und Denker, dem frau hier vorsteht, tut dies ja in weiten Teilen auch nicht – hervorragend anzuschauen in den vielen Kommentaren und den weltweiten Volksfesten.

Dass sich die deutsche Regierungschefin über tote Wahhabiten freut? Sehr würdelos. Fragwürdig, für einen Rechtsstaat. Auch die größten Schweine – wenn man so will – haben ein Recht auf einen Prozess („fair“, nicht „kurz“), auf Unschuldsvermutung und die Möglichkeit der Verteidigung. Punkt. Das ganze Schulterklopfen und Fahnenschwenken muss ein Staat hier dem Mob überlassen, den Stammtischen und Polemikern, will er denn ernst genommen werden. Ein sachlicher Standpunkt zu Recht, Völkerrecht und rationaler Politik macht niemanden gleich zum „wahnsinnigen Bin Laden Fan“ [2], da muss man sich nicht fürchten.

Das ist ohnehin komisch: im Vorbeigehen die Souveränität eines Staates zu verletzen für eine „Verhaftung“, bei der ein – letzter Stand – unbewaffneter Gesuchter „nach einem Feuergefecht“ zufällig durch zwei gezielte Kopfschüsse getötet wurde, weil er sich ja noch gewehrt hat – bzw. sich hinter seiner Frau versteckte. Vor der gesicherten DNA-Identifizierung natürlich. Langsam auf der Zunge zergehen lassen.

Stutzig macht mich aber noch mehr die Mähr vom islamischen Seemannsbegräbnis. Scheint sonst keinen zu irritieren, außer vielleicht die Islamexperten, welche natürlich sofort deutlich machen: absolut un-islamisch. Herrschaften, als ob’s darum ginge. Sowas spart einfach die Obduktion [3]. Keine (echten) Bilder des Leichnams? Wie reagieren amerikanische Krieger auf einem Flugzeugträger wohl, wenn die Seals vom Einsatz zurückkommen, den Torso des Staatsfeinds #1 im Handgepäck? Vielleicht wird Osama’s präperierter Kopf  irgendwann auf einer Pike im Oval Office aufgespiesst zu bewundern sein. Ans Werk, Ihr Verschwörungstheoretiker da draussen.

Dass Obama den Tod von Osama gleich so zelebriert, könnte für die USA wohl noch teuer werden. Die Struktur Al Quaida kam sicher schon länger ohne Osama aus, das weiß der CIA besser als wir. Kontaktleute sind nun gewarnt, Brücken abgerissen und Rachepläne reifen. Pakistan ist vor den Kopf gestossen. Eine Völkerrechtsdebatte wird angestossen und Verschwörungstheorien Vorschub geleistet. Das für ein paar neue Wählerstimmen für einen bislang als schwächlich bezeichneten Präsidenten? Ein Disaster, meine ich.

Osamas Tod ist okay. Nicht gut, oder gar ein besonderer Grund für Freudentaumel und Dilirium, aber eben okay. Er ist so richtig wie die Sache Adolf Eichmann oder die Angelegenheit Saddam Hussein, und vermutlich genauso fragwürdig rechtens. Im Verhältnis zu den Konsequenzen, welche die kurzsichtige Art der Durchführung dieser amerikanischen Marketing-Aktion nach sich ziehen wird, kann der Tod des Terroristen*) aber wohl weitreichender sein.

[1] Merkel: Ich freue mich darüber, dass es gelungen ist, bin Laden zu töten.
[2] Blog: Wahnsinnige Fans; Verschwörer
[3] Amüsant, nach meinem Artikel gefunden: Verhör einer Leiche
* gemeint ist natürlich des „Terror-Verdächtigen“

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2 Responses to “Osama verschwunden- Politik jubelt”

  1. Christian Says:

    Schön, mal einen anderen und gelasseneren Blick auf die Dinge zu sehen.
    Laut Spiegel werden die Fotos noch verzögert (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,760488,00.html). Vermutlich müssen sie erst noch auf das Niveau der Fotos gebracht werden, die den Beweis für Iraks ABC-Programm für die UNO lieferten.
    ;)
    Weiter so.

  2. rhein main Says:

    Terroristenchef Osama bin Laden war entgegen früheren Angaben der US-Regierung unbewaffnet, als er von einem US-Spezialkommando erschossen wurde. Das bestätigte der Sprecher des Weißen Hauses, Jay Carney. Zunächst hatten Regierungsvertreter gesagt, Bin Laden habe sich der Sondereinheit widersetzt und sich an einem Feuergefecht beteiligt, bei dem er getötet worden sei. Ich frage mich einfach, ob das nicht von Anfang an beabsichtigt war, denn ein lebender Terror Chef wäre ja Motivation genug, dass seine Anhänger ihn befreien wollen.


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