Mein Grieche sagt: „Wieso eigentlich …?“

Mai 4, 2010

Kostas, der Grieche fast-gegenüber, der sich seit 20 Jahren irgendwie durchwurstelt, fragte mich neulich: „Wieso regen sich eigentlich alle so auf?  Das ist einfach griechische Mentalität.“ Ich antwortete: „Mein Freund, sieh es mal so:“

Griechenland ist die Spitze eines Eisberges. Die Staatsverschuldung der unter Wasser liegenden Teile, grob: Südeuropa, verhält sich ähnlich und auch die Probleme sind ähnlich. Wenn man einen Kredit beantragt – nichts anderes sind Staatsschulden – muß man sich fragen lassen: wie man damit wirtschaften will, wie man sie zurückzuzahlen gedenkt, wie zuverlässig man das bisher tat, und was man für Sicherheiten bietet. Das ist logisch und vernünftig. So eine Bonitätsprüfung gibt es bei jedem Kredit, es sei denn man geht zu einem Kredithai. Der bricht einem dann halt die Knochen, wenn’s nicht klappt.

Bei einem Staat gibt es nun ein kleines Problem: er hat eigentlich keine Sicherheiten zu bieten. Sein Staatsterritorium zu verpfänden, oder sein Militär, oder seine Privatbetriebe, das ist irgendwie – naja – verpöhnt? Sittenwidrig? Kommt jedenfalls nicht gut. Wird halt nicht gemacht. Ein Szenario, bei dem der Kuckuck auf Kreta oder Olympia geklebt wird ist also nicht drin. Wenn unsere Kanzlerin nun von einer geordneten Insolvenz spricht [1], ist das Mumpitz. Die Gläubiger-Staaten, da sie keine pfändbaren Sicherheiten haben, verhalten sich wie Kredithaie mit dem Ruf eines Weicheis. Wir können nichts pfänden, wir brechen kein Knochen – was bleibt? Das Geld ist futsch, wenn der Schuldner nicht zahlen kann.

Jetzt ist Griechenland aber eben Eisbergspitze. Die anderen Schuldner unter Wasser, Italien, Spanien, Portugal und Irland, die Schweine (engl.: pigs; PIGS=Portugal, Irland und Italien, Griechenland, Spanien) sehen sich das an und singen frei nach Berthold Brecht:

Und der Haifisch, der hat Zähne
Und die zeigt er Schuldnern nicht
Und Europa wurstelt weiter
Ganz egal, auch wenn’s zerbricht.
[2]

Ein Kredithai, der seine Schulden nicht beglichen bekommt und auch nicht eintreibt, ist nur ein Silberfischchen. Wenn ich so einen kennen würde, dann würde ich mir ein Leben in Luxus finanzieren und er würde mit dem Ofenrohr ins Gebirge schauen.

Es ist aber noch schlimmer: Weil nämlich nichts zu holen ist, muß der Kredithai – mittlerweile zur Kreditmakrele geworden – den Patienten an den Tropf hängen. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zu letzt. Die Hoffnung ist, daß der Schuldner später wieder genügend erwirtschaftet, um die Kredite zurückzahlen zu können. Dafür geben wir ihm einen weiteren Kredit. Einen Tropf. Wenn wir nun die Eisbergspitze an den Tropf hängen, was wird wohl der Teil unter Wasser denken und tun?

Ich fühle durchaus mit den Griechen, die sich auf der Straße austoben und sich gegen die auferlegten Einschränkungen erheben wollen, sogar mit jenen, die nun gegen die Deutschen wettern. Aber, Kruzifix, was glaubt ihr denn, was die Alternative ist? Europa im Wachkoma.

Die beginnende Auflösung. Der Weiße Kredithai, die EZB, akzeptiert nun quasi bonitätsfreie Schuldner [3]. Das bedeutet, daß es keine Minimalanforderungen für griechische Kreditanfragen mehr gibt. Wozu auch? Wir müssen, so die Botschaft europäischer Politik, das Überleben Griechenlands sichern – koste es, was es wolle. Nebenbei, wirklich nur am Rande: prozentual zum BIP hat das griechische Militär mehr als doppelt so hohe Betriebsausgaben (4%) wie Deutschland (1,5%) [4]. Aber das nur mal so, also zurück. Immerhin können wir ja das Geld drucken, das wir brauchen werden. das ist dann halt etwas weniger wert. Inflation? Inflation. Aber irgendwie müssen wir ja Kredite beschaffen für PIGS, damit die ihre Kredite bezahlen können. Anlegern in griechische Bonds bringt das so 7%, rund, und zwar total sicher! Denn Europa läßt Griechenland nicht hängen. Da es selbst keine abwertbare Währung hat, wird es auf den Euro zurückfallen.

Zusammenfassend, mein lieber Kostas, muß Europa – der Kreditweißfisch – das wirtschaftliche Überleben der Schweinestaaten finanzieren, damit der Euro nicht komplett abrutscht, wodurch er komplett abrutschen könnte. Und das nur, weil man einem Staat keine Fernseher unter dem Arsch wegpfänden kann.

Yamas! Der Ouzo geht auf’s Haus. Und demnächst lade ich Kostas zum Italiener ein, die haben auch eine gemütliche Mentalität.

[1] „geordnete Insolvenz“
[2] „Die Moritat von Mackie Messer“, Berthold Brecht
[3] bonitätsfreie Schuldner
[4] Militärausgaben (u.a.)

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6 Responses to “Mein Grieche sagt: „Wieso eigentlich …?“”

  1. almabu Says:

    Sehr schöner Artikel, auch sachlich weitgehend korrekt, bis auf einen entscheidenden Punkt:

    Es sind nicht „die Griechen“ die getrickst und betrogen haben und es sind auch nicht „die Deutschen“ die sie nun retten sollen/müssen!

    Deutsche und französische und andere europäische Arbeitnehmer und folglich Steuerzahler, zahlen deutschen und französischen und anderen Banken faule, wertlose Kredite zurück, für die diese lange Zeit hohe Risiko-Zinsen kassiert haben, ohne wie man jetzt sieht, ein Risiko zu tragen!

    Die griechischen Arbeitnehmer sollen jetzt den Sündenbock abgeben und diese Kredite bedienen (Zins und Tilgung!) was ihnen künftig die Luft zum Atmen und die Chance auf einen Neustart verwehrt!

    Hier bei uns wird das eine neue Einsparungsrunde und Steuererhöhungen auslösen!

    Wir brauchen eine europäische Solidarität VON UNTEN ganz dringend, sonst werden wir weiter schön gegeneinander ausgespielt, Yamas!


  2. Fährt dann diesen Sommer alles nach Hellas um zu gucken, wie dort alle zu Kreuze griechen?

  3. erika42 Says:

    da empfehle ich folgende Lektüre zu lesen. Hier werden Auswege gezeigt:
    http://www.lietaer.com/images/White_Paper_Lietaer_Deutsch.pdf

  4. Knox Says:

    Den Punkt, dass das griechische Militär höhere Ausgaben hat als das deutsche finde ich interessant, gerade weil beim deutschen Militär gerade wieder gespart wird.
    Allerdings wie bereits gesagt nur prozentual zum bip.

    Ich halte daher etwas anderes für wichtiger. Wenn Griechenland eine Mitschuld trägt(und davon ist auszugehen) könnte man meinen die finanziellen Hilfen würden den Schuldigen auch noch zu gute kommen.
    Wir müssen allerdings helfen in der Hoffnung unsere Hilfe verhindert, dass unsere eigen Wirtschaft den Bach runter geht(so wird es zumindest in den Medien dargestellt). Demnach haben wir kaum eine andere Wahl.
    Ein weiterer Grund sollte aber auch sein, dass wir den Menschen helfen wollen, denn wenn, dann war vor allem die Regierung schuld, nicht jedoch die Bürger. Und wenn man sich in Deutschland einmal ansieht was verschiedene Regierungen an Schulden aufgebaut haben, dann sollte man doch einsehen können, dass man als Bürger kaum etwas dagegen tun kann, denn Wahlversprechen werden doch fast nie eingehalten.


  5. […] Bereits erschienen zum Thema: Mein Grieche sagt: „Wieso eigentlich …?“, Kalinichta, Europa gibt Zeus den Laufpass, Update: Dunkle Ahnungen am Sonntag, Vom Schmerz, Recht […]


  6. […] Meine Prophezeiungen haben sich tragisch erfüllt: Griechenland Pleite [1], Transferunion durch die Hintertür und vorwärtsfallende Kanzlerin [2]. Nur das mit der Inflation nicht – noch nicht [3]. […]


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