Sex, Terroristen und Psychopathen

April 25, 2010

Über Wachung. Du bist ein guter Mensch. Du bist ein freier Mensch. Natürlich.

Weil Du nichts verbrochen hast, hast Du auch nichts zu verbergen! Keiner mit einer reinen Weste hat etwas zu befürchten. Doch, wie siehst Du Deine Mitmenschen?

Deine Freunde sind natürlich ebenso – sie wären sonst nicht Deine Freunde. Sind alle so wie Ihr?

Sind alle Deiner Meinung? Hast Du noch nie schlechte Erfahrung gemacht? Stimmst Du bei den radikalen Thesen Deines Nachbarn lächelnd zu? Du hast Verständnis für die Demonstranten, aber auch für die Polizei bei der Durchsetzung von Ordnung, nicht wahr? Bist Du mit allem einverstanden, was Deine Regierung vorschlägt und umsetzt, wie sie Dich schützt – und gegen was? Noch nie von den Sauerland Bombern, von Jeffrey Dahmer oder Ted Bundy, Al Quaida und den Taliban oder von Kinderpornographen gehört?

Warum liest Du diesen Text? Hast Du nicht Angst, man könnte Dich verdächtigen, einfach neugierig zu sein – weil im Titel von Terrorismus die Rede ist? Oder von Sex? Daß man Dir drauf kommen könnte?

Wir müssen über unsere Kinder wachen. Das war schon immer so, es sind die Verletzlichsten in unserer Gesellschaft. Lehrer berichten uns über ihr Verhalten und ihre Probleme mit anderen Kindern in der Schule, im Kindergarten. Wir können dann etwas tun, wenn Kinder vom rechten Weg abweichen. Dank dem Babyphone wissen wir, wenn die Kleinen unruhig schlafen. Über das Babyphone hörten wir zufällig auch unsere Partner telefonieren. Oder haben wir vergessen, es auszuschalten, als wir telefonierten? Das war merkwürdig, oder?

Im Schwimmbad ging neulich die Türe einer Umkleidekabine auf. Er stand dort buchstäblich mit heruntergelassenen Hosen. Das war lustig! Und peinlich. Warum haben wir überhaupt Kabinen? Haben wir etwas zu verbergen? Merkwürdig, es scheint Dinge zu geben für die Du Dich schämst. Aber sie sind doch nicht schlimm! Man muß sich doch dafür nicht schämen!

Ich stelle mir vor, die Türe wäre nicht aufgegangen. Ich stelle mir vor, hinter der Türe hätte der Onkel dem Achtjährigen beim Ausziehen geholfen. Er hätte ihn angefasst. Oder sich helfen lassen. Keiner hätte etwas bemerkt.

Ich stelle mir vor, der Schwimmbadbetreiber würde die Kabinen mit Babyphones ausstatten, oder mit Kameras. Um die bösen Onkel zu finden, natürlich. Die anderen hätten ja nichts zu verbergen, oder? Aber was, wenn der Bademeister der Unhold ist? Ein Spanner? Oder wenn er sogar die Bilder dann ins Internet hochlädt, von sich ahnungslos ausziehenden Mädchen und Jungs! Den müßte man natürlich auch überwachen. Schließlich, was ist wichtiger? Daß Du dich schämen würdest – ohne daß Du müßtest! – , wenn Du von der Kamera überhaupt wüßtest? Oder daß der Verbrecher hinter Gitter kommt? Eben. Der Täter muß überführt werden, ist doch klar.

Du kennst auch keine Kinderschänder. Überhaupt kennst Du keine Verbrecher. Klar, S. trickst ziemlich rum mit der Steuer, aber: hey, das ist doch echt nix. Wer hat noch nie ein paar Kilometer auf die Anfahrt zur Arbeit draufgeschlagen, also bitte! Das wollen wir jetzt doch nicht mit Psychopathen und Mördern vergleichen, oder?

Nein, Mörder kennst Du auch keine. Na schön, wenn es stimmt, daß über durchschnittlich sechs Ecken jeder Jeden kennt, dann wohl schon, hehe. Aber nicht Deine Freunde. Die Menschen sind ja nicht alle gleich, und was ist schon normal, und wenn einer mal eigenartig ist, wie K. zum Beispiel, da könnte man schon manchmal denken, so zurückgezogen wie der manchmal ist, … hat der „eine Leiche im Keller“? Hihi. … Ach Quatsch! Er ist halt manchmal etws seltsam, das ist alles. Man muß da auch die Kirche im Dorf und so, nä? Hatte halt Probleme, Alkohol und so …

Man kann ja eh nicht reinschauen, in solche Leute. Da liest man dann davon, wie die völlig gefühlskalt ihre Taten planen, oder nimm‘ mal den Atta. Du weißt schon, 11. September, Twin-Towers. War ja eh‘ das FBI, daß die Warnungen ignoriert hatte, oder? Aber der, der hat doch keinen was merken lassen. So einem kommst Du nur drauf, wenn Du vorher seine Mails gelesen hast. Dafür braucht man die Überwachung, daß Du diesen eiskalten Killern ins Handwerk pfuschen kannst! Stell‘ Dir mal vor, die vom BKA hätten die Sauerländer-Bomber nicht wochenlang überwacht. Die haben denen sogar den Sprengstoff entschärft bevor die losgezogen sind. Man darf garnicht drandenken. Und da soll ich was dagegen haben, wenn meine Mails und Telefonate abgehört werden? Ich bitte Dich!

Was? Die von K.? Na und? Der hat doch nix auf dem Kerbholz, nur weil er manchmal seltsam ist! Woher ich das wissen will? Weil ich ihn kenne! – Nein, natürlich kann ich nicht in ihn reinschauen, aber … was weiß ich, vielleicht betrügt er seine Frau? Soll ja vorkommen. – Ich? Das geht Dich ja wohl garnichts an.

Überhaupt geht das jetzt doch etwas zu weit, oder? Ja, ich weiß, was ich gesagt habe, das ist doch nur ein Sprichwort! Ich habe ihn doch nicht verdächtigt! Der hat keine Leichen im Keller! – Was meinst Du, wie gut ich ihn kenne? Wie? Ach so, weil ich ihn Schutz nehme, haha!? Ich sag‘ doch, ich weiß es nicht, herrgottnochmal! Na hör mal, man kann doch nicht einfach so jemanden verdächtigen!

Natürlich ist er unschuldig! Er ist Dein Freund! Natürlich willst Du wissen, ob K. derjenige ist, für den Du ihn hältst.  Ist doch immer besser, es genau zu wissen. Weil wir gerade dabei sind: einige Deiner mails deuten tatsächlich darauf hin, daß Du Deine Frau betrügst. Komm schon, was ist schon dabei? Du schaust doch auch Pornoseiten an, oder? Tut doch jeder. Ach, Du also nicht? Du betrügst also lieber Deine Frau?

Soso. Und wieso haben wir dann am Montag einen Besuch von Dir bei K. auf unseren Überwachungskameras – als K. nicht zuhause war?

Mmh, hmm. Dann hast Du sicher nichts dagegen, wenn wir Dich mal screenen, oder?

Psychopathen erkennen leicht gemacht und Cleanternet – damit das Internet frei (von Verdächtigen usw.) bleibt (Vorsicht, Ironie)

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3 Responses to “Sex, Terroristen und Psychopathen”

  1. Philosoph Says:

    Ein wirklich ausgezeichneter Beitrag, für den sich allerdings nicht allzu viele Leute zu interessieren scheinen, wenn ich auf die Anzahl der bisherigen Kommentare blicke.

    Ehrlich gesagt, verwundert mich das auch nicht. Die Menschen werden ihren „großen Bruder“ mit Sicherheit lieben. Bei Sklaven muss wahre Freiheit nämlich zwangsläufig zu Angstzuständen führen.

    Beste Grüße
    Philosoph

    • neglectable Says:

      Umso mehr freue ich mich über Deinen Kommentar. Gesehen haben den Artikel bisher immerhin grob 40 Leute.

      Ja, Freiheit macht Angst. Deswegen zieht das Sicherheitsversprechen ja so. Der Mensch ist halt schon ein Gemütlicher, wo er kann.

      • Philosoph Says:

        Das ist doch immerhin schon mal etwas! Viel mehr Leser habe ich bei den meisten meiner Beiträge auch nicht.

        Sicherlich. Zum einen sind viele Menschen schon zufrieden mit der Freiheit wie die Blöden zu konsumieren, sich sexuell auszutoben sowie mit ihrem Geld herumjonglieren zu dürfen.

        Zum Anderen wird vielleicht die Angst der Menschen auch von dem ein oder anderen Staat durch das Vortäuschen von inneren und äußeren Gefahren gezielt geschürt, um den Ruf nach Sicherheit zu forcieren und die Freiheit letztlich immer weiter einschränken zu können.

        Beste Grüße
        Philosoph


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