Kalinichta

April 24, 2010

Zur Kasse bitte. Ich bezahlte neulich 25 Euro beim Griechen – für ein zwei-Personen Zechgelage, welches in den letzten zwei Jahren seinesgleichen suchte. So billig komme ich aber wohl nicht mehr davon: Laßt uns Griechenland helfen – oder „Vom Schmerz, Recht zu haben (2)“.

Kalinichta ist griechisch für „Gute Nacht“, und so ziemlich das Einzige an hellenischen Sprachfetzen in meinem Wortschatz. Nun, „mein Grieche“ am Ende der Straße, Patriarch mit souveräner 20-jähriger Wirtschaftskompetenz , scheint auch nur „wie gähtz dirr?“ zu kennen, um den Rest – Ouzo und Bier – kümmert sich das familiäre Personal.

Es ist also soweit. Griechenland hält die Hand auf. Ministerpräsident Papandraeou braucht 45 Milliarden, sonst kann er den Laden dicht machen [1].

Quelle: ARD

Quelle: ARD

Zahltag

Quelle: ARD

Der Tübinger Wirtschaftsprofessor Joachim Starbatty, der auch schon gegen die Euroeinführung geklagt hatte, will nun auch gegen die die Griechenlandhilfe klagen, genauer gegen die Verstöße gegen den EU-Vertrag [2]. Er meinte gegenüber der ARD, das Versprechen Stabilitätspakt würde zum Alptraum Haftungspakt. Ich gebe ihm spontan recht. Das sollte aber mein Grieche nicht hören.

J. Starbatty

Quelle: ARD

Oder wie Rolf-Dieter Krause vom WDR so schön kommentierte, sinngemäß: „Seien Sie wütend auf Brüssel, Berlin oder auch Bonn, aber nicht auf die Griechen.“ Meinen Griechen betreffend ist das leicht, aber hinsichtlich des gemeinen griechischen Griechen vor Ort in Griechenland fällt das schon schwerer. Genauer, gegenüber deren Amtsschimmel.

In einem Interview am Donnerstag hatte Starbatty schonmal klargemacht, was uns so erwartet [3]:

„Griechenland ist nicht mehr wettbewerbsfähig. Wie soll es seine Kredite zurückzahlen?“

hat er dort gefragt, und weiter:

„Irgendwann muss die Wahrheit auf den Tisch. […] Wir können das jetzt mit einer Umschuldung machen – oder später, dann wird der Abschlag entsprechend größer. Das ist die harte ökonomische Wahrheit. […] Das ist ja die Lebenslüge der Währungsunion. Man hat von vornherein gewusst, dass man Aufwertungs- und Abwertungsländer zusammenfasst. […] Der Pakt ist systematisch unterminiert worden. Es ist das eingetreten, wovor die Kritiker immer gewarnt haben. Nun wird aus der Währungsunion eine Haftungsgemeinschaft und Inflationsunion.“

Und dann stößt er so nebenbei in mein Horn:

„Ich glaube, dass die Inflationsrate stark steigen wird: über 5 Prozent. Alle Erfahrungen zeigen, dass Länder, die hoch verschuldet sind, zur Inflation neigen.“

Ich hatte das ja auch schon an verschiedenen Stellen geunkt [4]. Dazu wurden, nebenbei, die Maastricht-Kriterien geschaffen. Mal sehen, wie sich dort die Prognose darstellt [5].

Staatsverschuldung der EU

Na, das ist ja mal erschröcklich. Darauf einen Ouzo. Gerade mal fünf Länder könnten ihre Kriterien einhalten. Um es Brachial auszudrücken: Wenn „alle Erfahrungen zeigen“, daß bei so einer Verschuldung die Inflation enorm ansteigt, die EZB aber außer dem Leitzins keine Möglichkeit hat – jaja, kommt mir jetzt mit Geldmenge! – dann will ich jetzt langsam mal wissen, was die Politik eigentlich den ganzen Tag macht!? Die Dampfplauderer aus Brüssel, diese zugereisten faulen Spesensäcke, die sollten sich jetzt doch mal was einfallen lassen. Ich bin es nämlich total leid, bei meinem Griechen in Gefahr des Alkoholismus zu kommen, nur weil ich täglich von Landesbanken, Bankenkrise, Blasen, Staatsdefiziten und dergleichen Mist lesen muß. Frau Merkel, vertreten Sie gefälligst unsere Interessen, ohne auf die nächste Landtagswahl zu schielen!

[1] 45 Milliarden
[2] Klage in Karlsruhe
[3] Das Interview mit Starbatty
[4] Europa gibt Zeus den Laufpass, Dunkle Ahnungen am Sonntag, Vom Schmerz, Recht zu haben (1)
[5] Grafik: Sueddeutsche

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7 Responses to “Kalinichta”

  1. ebook-blog Says:

    Wie man heute der Presse entnehmen konnte ist Griechenland fertig. Finanziell am Ende. Und was bekommt man so am Rande mit. Deutschland soll 8 Milliarden dazu beitragen. Die Politiker reden immer von Verantwortung. Wo ist eigentlich ihre eigene Verantwortung. Die haben doch alle befürwortet, dass die Griechen den Euro bekommen. Einfach klasse.

  2. Philosoph Says:

    Ich hatte gestern Abend auch die Tagesthemen gesehen und fand den dortigen Beitrag sowie den Kommentar im Anschluss sehr ausgewogen und fair, was in der heutigen medialen Landschaft Seltenheitscharakter hat.

    Nichtsdestotrotz halte ich diese mediale Kampagne gegen Griechenland mittlerweile schon für unfreiwillig komisch, denn so ganz ehrlich sind die Medien zu uns – wie immer – ja nicht gerade. Diesbezüglich vielleicht zunächst mal ein Link:

    http://www.bundesfinanzministerium.de/nn_86324/sid_B0ABDB096C9CC427E2C34670F855727A/DE/BMF__Startseite/Aktuelles/Monatsbericht__des__BMF/2009/10/statistiken-und-dokumentationen/01-finanzwirtschaftliche-entwicklung/tabellen/Tabelle__S15.html?neverpopup=true

    Man vergleiche dabei die Schuldenquote von Griechenland, mit der von Japan und wird dabei sehr schnell festellen, dass die japanische fast doppelt so hoch ist. Da frage ich mich: Hat Japan jemals IWF-Hilfen in Anspruch nehmen müssen? Hat Japan Probleme Anleihen auf den Kapitalmärkten zu platzieren? Hat Japan Probleme an einen Bankenkredit zu kommen? Hat Japan einen Staatenverbund hinter sich, der immer schützend eingreift? Die Antwort ist immer: Nein!

    Wo liegt dann das Problem von Griechenland? Ist Griechenland vielleicht nur Mittel zum Zweck, um aufzuzeigen, dass der aktuelle europäische Staatenverbund nichts taugt und durch einen neuen europäischen Nationalstaat ersetzt werden muss?

    Beste Grüße
    Philosoph

    • neglectable Says:

      In der Tat ein interessanter Kommentar, danke. Meiner Meinung nach sind die Fälle deutlich unterschiedlich. Ich denke, daß Japan zum einen das Problem schon hinter sich hat (das „verlorene Jahrzehnt„), und zum anderen ein kleiner, eigenständiger Währungsraum ist, der homogen zum Dollar gewertet wird – mit vermutlich einem Großteil bereits denominierter Schulden im Wechselkurs.

      Während Griechenland eine negative Sparquote hat, ist Japan mit einer von über 5% (D: ~10%) auch weitgehend intern verschuldet. Außerdem hat Japan eine vergleichsweise geringe Anzahl internationaler Gläubiger. Dagegen ist es selbst z.B. zweitgrößter Gläubiger der USA, mit US$ 765 Mrd., das ist fast das 3-fache der griechischen Gesamtschulden. Hinzu kommt noch ein Handelsüberschuß. Trotzdem ist Japan wohl auch nicht allzu gesund, das denke ich auch.

      Aber wenn Japan Probleme bekommt, dann verläuft das vielleicht eher argentinisch, während das Griechenland-Dasaster ja, durch Betrug ausgelöst, ein gesamteuropäisches, also ein Euro-Problem ist/wird. Und das gilt nur wenig anders für Portugal, Italien, Irland und Spanien.

      • Philosoph Says:

        Mir ist natürlich auch klar, dass Griechenland nicht mit Japan einfach so verglichen werden kann. Wenn ich allerdings irgendwelche Nachrichten über Griechenland lese, wird des Öfteren mal auf die hohe Staatsschuldenquote hingewiesen, die Schuld an Griechenlands Misere sein soll. Das ist ja nicht korrekt, denn sonst dürfte Japan gar nicht mehr existieren.

        Nun Ja. Überall wo ein Betrüger agiert, muss es auch Leute geben, die sich (gerne?)betrügen lassen. Es muss also nicht zwangsläufig derjenige Schuld tragen, der seine Statistiken fälschte, sondern vielleicht eher diejenigen, welche diese Statistiken nur ungenügend prüften.

        Beste Grüße
        Philosoph


  3. […] Bereits erschienen zum Thema: Mein Grieche sagt: „Wieso eigentlich …?“, Kalinichta, Europa gibt Zeus den Laufpass, Update: Dunkle Ahnungen am Sonntag, Vom Schmerz, Recht zu […]


  4. […] Meine Prophezeiungen haben sich tragisch erfüllt: Griechenland Pleite [1], Transferunion durch die Hintertür und vorwärtsfallende Kanzlerin [2]. Nur das mit der Inflation nicht – noch nicht [3]. […]


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