… oder den Stab über ihn brechen

April 17, 2010

So, der Herr Mixa hat also gelogen. Naja, das war ja eigentlich völlig klar, nicht weiter der Rede wert. Mir selbst …

… ist aber etwas eingefallen, das ich längst vergessen hatte. Sehr eigenartig. Ich hatte selbst schon meinen Senf abgegeben zu dem Kirchenmann des reinen Herzens (Artikel Eine Lanze für Mixa) und mich heute durch verschiedene Blogs geklickt, die alle seinen Rückzieher – nein, leider nicht Rücktritt – zum Thema hatten, etwa den Wutanfall von Roman Möller. Seltsam, wie das Gedächtnis funktioniert. Bei einem ungläubigen Kommentar von Ansku zum Artikel „Der Mixa dreht sich“ (von buchstaeblich; nettes Wortspiel) fiel es mir wieder ein:

Als renitenter Rotzlöffel habe ich etwa eineinhalb Jahre auf einem Privatgymnasium “studiert”. Vom stellvertretenden Direktor hat sich da so ziemlich jeder mal freundlich “eine ei’gfangt”. Und der Herr Dr. H. hat, wiederholt, einige “provokant-renitente Subjekte” (er daselbst) in seiner Eigenschaft als Stalingradveteran, Krigsgefangenen-Heimkehrer, Deutsch- und Geschichtslehrer höchstpersönlich am Ohr aus der Bank bis vor zur Tafel gezogen, um jenen dort klarzumachen, daß der Rohrstock leider nicht mehr verwendet werden darf. Hin und wieder hat er den Delinquenten dann das Kruzifix an der Wand ansehen lassen (immer noch “ganz Ohr”), mit “leichten Schlägen auf den Hinterkopf” für angemessene Demut gesorgt und hinzugefügt, man solle dem Herrgott dafür danken. (Mein Kommentar ebda.)

Ich muß jetzt aber gleich dazu sagen, daß erstens ich selbst nicht zu den Opfern von Dr. H. gehört habe und zweitens das damals allgemein als eher belustigend von der Klasse aufgenommen wurde. Dies lag vor allem an der Figur des Kriegskameraden und seiner Art, sich künstlich zu echauffieren. Sein Lieblingsopfer, nennen wir ihn Tobias, war der unumstrittene König der Klassenclowns und verstand es hervorragend, entsprechende Reaktionen zu provozieren. Eigentlich war es saukomisch. Rückblickend.

Anders die freundlichen Hinweise durch die Hand des heutigen Direktors (Stand ~2005). Das war ernst. Da hatte man was ausgefressen.

Nun, daß ich persönlich das so erlebt und wahrgenommen habe – und es dann sogar vergaß – bedeutet keineswegs, daß es allen so gehen muß. Ich kann mir gut vorstellen, daß ähnliche Vorfälle (vielleicht sogar diese für einige Mitschüler) die Betroffenen tatsächlich traumatisieren können.

Ich habe in dem anderen Artikel schon bezweifelt, daß eine Lanze für den Kirchenmann zu brechen wäre. Es ist der Rede wert. Wenn ich mir diese neuen, alten Bilder in meinem Kopf so ansehe, und mir vergegenwärtige, was „ein paar Watsch’n“ möglicherweise bei anderen ausgelöst haben könnten, dann muß ich den Stab über Menschen wie Bischof Mixa und Herrn Dr. H. brechen.

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3 Responses to “… oder den Stab über ihn brechen”


  1. Ich bin dankbar, öffentliche Schulen in NRW besucht zu haben.

    Auch wenn Sie es als nicht so schlimm empfunden haben, finde ich es schlimm, dass Sie so etwas erleben mussten.

    Entrüsten solche Erlebnisse Menschen möglicherweise weniger, weil sie sie als „normal“, resp. an der Tagesordnung, empfanden?

    • neglectable Says:

      Das ist naheliegend, aber vielleicht auch zu offensichtlich. Ich kann da nur aus meiner Warte sprechen. Vielleicht weniger, weil man selbst als Kind/Jugendlicher auch mal austeilt, und von anderen Kindern/Jugendlichen einsteckt. Insofern würde ich das bejahen.

      Das ist aber ein interessanter Aspekt: Wer von uns über 25-jährigen (willkürlich gewählt) hat sich denn in den letzten Jahren mit körperlicher Gewalt auseinandersetzen müssen? Als Heranwachsender, je nach sozialem Umfeld sicher unterschiedlich, mußte man dies gewiß häufiger, für manche war es also fast Normalität. Bis zu einem gewissen Alter kann man das als normal Erachtete dann vielleicht besser wegstecken oder auch verdrängen. Es sind wohl – bis zu einem gewissen Grad – die Ausnahmen, die traumatisieren.

      Überhaupt ist ja das augenfällig, was außerhalb unserer Normalität liegt. Die Opfer sexuellen Mißbrauchs etwa sind vermutlich auch deshalb so schwer davon betroffen, weil sie in der Gesellschaft (später) Normalität „sehen“ und ihr eigenes, erfahrenes Schicksal dem innerlich entgegehalten. Scham, Selbstzweifel und Zurückgezogenheit erscheinen mir da nur logisch. Umgekehrt kann jemand mit der „normalen Historie“ so eine Ausnahme von der Normalität – wenn überhaupt – nur schwer nachempfinden.

      Guter Einwand, also. Ich frage mich zur Zeit, ob ich Sie um das Fehlen dieser Erfahrung beneiden soll. Ehrlich gesagt, weiß ich weder, was ich heute antworten sollte noch damals geantwortet hätte. Mich hat es eben auch nicht langfristig betroffen.


  2. Nun, ich bin schon ziemlich froh, keine hauenden Lehrer/Priester erlebt zu haben.

    Das heißt natürlich nicht, dass es in meinem Umfeld gar keine Gewalt gegeben hat. Die Gegend meiner Kindheit war gewiss nicht ohne.


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