Im Osten nichts Neues

April 15, 2010

Bei der Verteidigung unserer Freiheit am Hindukusch haben erneut drei Deutsche ihr Leben lassen müssen. Deutschland betrauert diesen Verlust.

Die zunehmenden Verluste sind einem Umstand geschuldet: der Krieg ist in unserem Afghanistan angekommen. Die Presse der letzten Wochen und Monate zeigt, daß die Taliban anders vorgehen. Sie haben die strategische Bedeutung der nördlichen Provinzen erkannt und sich auch taktisch besser organisiert. Der Druck der deutschen Öffentlichkeit bleibt durch sie auch nicht ungenutzt: möglichst viele Verluste sollen die Politik über diese deutsche Öffentlichkeit zum überhasteten Rückzug bewegen. Die Rechnung könnte aufgehen.

Die Kanzlerin weilt derweil in San Franzioko und, so hört man in der Tagesschau, bekommt dort viel Verständnis. Logisch, die Amis haben seit Konfliktbeginn  mehr als 800 Tote zu beklagen, mehr als 20 mal so viele wie Deutschland. Dennoch ist der Rückhalt in der Bevölkerung in Amerika stärker. Wir haben Gregor Gysi, der sinngemäß zum Besten gibt: „Das ist schrecklich. Es beweist, daß der Weg falsch war.“ Jetzt ist also schon wissenschaftlich bewiesen, was scheinbar die Mehrheit der Deutschen glaubt?

Die Tagesschau zeigt Ergebnisse einer Blitzumfrage: 70% sind für einen sofortigen Abzug[1]. Ich gestatte mir die Bemerkung, daß 2009 die Zahl der Verkehropfer satte 4050 Toten erreicht hat (immerhin Rekordtief), während die Zahl der Fahrzeuge auf Deutschlands Straßen kontinuierlich an die 50 Millionen wuchs – ohne daß eine nennenswerte Anzahl Deutscher nach der Abschaffung des Autos geschrien hätte.

Was bedeutet sofortiger Ausstieg eigentlich? Natürlich bedeutet es erstmal, die nächsten 20 Soldaten sterben nicht mehr in Afghanistan. Und damit hat es sich auch schon auf der Haben-Seite. Auf der anderen Seite steht ein Ansehens- und Vertrauensverlust bei den Verbündeten, gravierende Einschränkungen aller humanitären Hilfen vor Ort, erhöhte Kosten als Ausgleich (Stichwort „Deutschland als Zahlmeister“) und vieles mehr. Vor allem aber ein Machtgewinn, möglicherweise die erneute Machtübernahme, der Taliban mit allen damit verbundenen Folgen. Von Terrorcamps und Kölner Möchtegern-Islamisten in dortigen Ausbildungslagern möchte ich garnicht reden. Auch nicht von den friedlichen Afghanen, die dann als Kollaborateure behandelt werden. Ich erinnere mich noch an die Bilder von Massenerschießungen der Verdächtigen (sic!) und Steinigungen angeblicher Ehebrecherinnen (die halt die Burka nicht trugen) im Fussballstadion von Kabul.

Und wenn wir bleiben? Was nützt es zu bleiben, wenn unsere Soldaten dann ähnliche Erfahrungen machen wie die Franzosen in Dien-Bien-Phu oder die Amis in Vietnam? Der Fachbegriff dafür heißt Moral. Da ist einerseits die Moral der Truppe, die darauf baut, daß Volk und Politik ihnen für ihren Scheißjob nicht auch noch in den Hintern tritt. Und da ist die vielbeschworene Moral von uns Zuhause, die da heißt: wir haben die Jungs da hingeschickt, dafür gibt es einen Grund, eine Aufgabe. Jetzt beißen wir die Zähne zusammen, wenn einige von ihnen zwangsläufig in Särgen zurückkommen. Wir stärken ihnen den Rücken, damit sie ihren Scheißjob machen können und wir sie bald wieder Zuhause haben. Je eher und besser sie ihren Scheißjob machen können, desto eher geht das.

Stell‘ Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin.

Und jetzt stell‘ Dir vor, es gibt eine humanitäre Aufgabe, alle sind da und es wird etwas brenzlig. Und während Du löschst, wo Du kannst, ruft jemand „Hey, kannst aufhören, laß es brennen. Es gibt Zuhause Tee und Gebäck.“

Es mag sein, daß wir nicht unsere Freiheit am  Hindukusch verteidigen. Aber unsere moralische Integrität müssen wir überall verteidigen.

Nein, im Osten nichts Neues. Wie sieht’s hier aus?

[1] „nicht repräsentativ“, denke ich. Rund 1000 Befragte.

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