Das F-Wort

April 13, 2010

Hm, hm. Ich bin gerade über einen Artikel gestolpert, in welchem das F-Wort ungewöhnliche Verbreitung findet.  Nicht tot zu kriegen.

Dabei ist die Rede von Damen, die ihre Freiheiten lieben und ihr natürliches Lebensgefühl, die ihre Beziehungen ständig neu sortieren und sich doch irgendwie nicht trauen. Genau. Es geht um Feminismus.

Hä? Oder besser: was ist das überhaupt? Emanzipation der Frau, Gleichberechtigung, Frauenbewegung, faktische Gleichstellung …
Für tatsächlich Interessierte empfehle ich einen Blick in Wikipedia zu diesen Begriffen, oder viel prxisnäher: frag Deine Freundin. Nein, nicht Deine Frau.

Ich fasse lieber mal leicht polarisierend zusammen, wie ich die Sache sehe. Frauen hatten’s in der Vergangenheit nicht leicht. Einerseits haben sie es sich selbst nicht leicht gemacht, weil biologisch nur ihnen das Brüten möglich ist, andererseits war das für (uns) Männer auch immer eine schöne Ausrede: Du hast sie in die Welt gesetzt, jetzt kümmere Dich auch um sie. Nach diesem Prinzip ging das, grob, Jahrtausende und ein alter Kalauer sagt: „Wieso werden Frauen unterdrückt?“ – „Weil sich’s bewährt hat.“ Hier steckt eine historische Wahrheit drin, die unsere Gesellschaft, will heißen: den soziologischen Menschen, geprägt hat.

Den Frauen hat das gelegentlich gestunken. Die Verbannung hinter den Herd macht keinen Spaß, wenn der Alte auf Raubzug oder die Couch geht. Daß man frau bei Kreuzzügen nicht mitmachen durfte, war dagegen zu verschmerzen, eine dämliche männliche Erfindung. Dieses „Patriarchat“ genannte Prinzip, wurde außerdem noch von der Kirche gestützt, die sich immer noch darauf beruft, daß nur Männer zu Aposteln gemacht worden waren – muß ja einen Grund haben! Also, keine Priesterschaft, keine Kreuzzüge, aber eben auch kein Rauben, Schänden, auf-der-Couch-flacken.

Gab es schon vorher vereinzeltes Aufmüpfen, brachte die Aufklärung den Stein ins Rollen. Soso, Gleichheit. Aber nicht für Frauen? Von den Suffragetten bis Alice Schwarzer’s EMMA wurde fortan, und zunehmend erfolgreicher, für die Emanzipation der Frau gekämpft. Für die Befreiung der Frau vom Patriarchat. Es versteht sich, daß da erstmal wenig Männer dabei waren. Also Frauenbewegung. Die ’68er Revolution können sich getrost die Frauen auf die Fahne schreiben. Die Zeit wandelte sich mit ihnen: Sozialgesetze, Wahlrecht, Humanismus, Säkularisation, Wiederaufbau und Rudelbumsen. Wir haben es ihnen etwas leichter gemacht, könnte man augenzwinkernd sagen.

In den zwei Jahrzehnten nach 68 haben die Frauen ihre Ziele eigentlich erreicht, abgesehen vielleicht von der Brutpflege, das hat nominal noch etwas gedauert. So, das sind die „Errungenschaften der Emanzipation“, durchgesetzt von  den „Emanzen“, die sich schließlich Feministinnen nannten. Da gab es den Hardcore-Typus wie Schwarzer oder Kate Millett, den differenzierteren, engagierten Typus wie meine Mitschülerin Anke, wegen der ich fast Feminist ge….. ich schweife ab.

Jedenfalls, im 21. Jahrhundert nach den allesamt männlichen Aposteln ist das Patriarchat nominal flöten gegangen. Jedenfalls in den westlichen Industriestaaten. Jedenfalls nominal. Es ist jetzt völlig müßig, mir mit „Frauen werden immer noch schlechter bezahlt als Männer“ zu kommen. Stimmt. Langweilt. Ist hier nicht Gegenstand der Diskussion. Ich sag nur Kladden. Oder Clinton. Oder Merkel, meinetwegen. Es ist auch völlig müßig, mir jetzt mit dem Islam zu kommen. Lies oben nach, und schlage „Säkularisation“ nach. Langweilt nicht, aber völlig andere Diskussion.

Okay, vielleicht doch nicht, für einen Augenblick: Stichwort kultureller Aspekt. Jetzt aber wieder zurück und im Schweinsgalopp zum Eigentlichen: Für was kämpfen Feministinnen eigentlich noch?

Ich kann mich noch erinnern vor knapp einem halben Jahrzehnt hat die Presse durchgängig aufgegriffen, was die Weiber doch für Weicheier aus uns Männern gemacht hätten. Die geschminkten Bohlen-Bubis von Deutschland sucht den Affen, vulgo DsdS, die ganze tuntig-ist-cool-Bewegung mit ihren Tokio Hotelkaschperln wäre das Signal: das Pendel schwingt zurück. Frauen, die sich öffentlich beschweren, wo denn bloß die Machos geblieben wären. Ja, da lachst Du?

Wie immer hat das Ding zwei Seiten. Oder fünf. Oder beliebig viele. Und wie immer, wenn ein Ding, eine Sache, eine Idee oder ein Dodekaeder mehrere Seiten hat, regen mich ihre Extreme auf. Naja, eigentlich bin ich zu abgebrüht alt, um mich aufzuregen. Da sind also vielleicht die Retro-Hausfrauen, die Feminismus für eine weitere schlechte Erfindung der Elektroindustrie halten. Weniger polemisch, Frauen die sich in ihrer vom weichgekochten Patriarchat zugedachten Rolle gefallen, weil es – ja wieso eigentlich? Weil die andere Fraktion dafür gesorgt hat, daß sie halbtags arbeiten können, wählen können und trotzdem finanzielle Sicherheit und Geborgenheit an der breiten Schulter des Patriarchen finden. Vielleicht.

FrauenPower

FrauenPower

Auf der anderen Seite die Amazonen auf der Suche nach ihrem letzten Kreuzzug. Da muß noch irgendeine Windmühle sein, die einem gestandenen Feministen (sic!), einer Donna Quichote den letzten Kampf zu fechten ermöglicht. Aber nicht bei uns. Im Islam, ja. In Afrika und Südostasien. Aber um’s verrecken, bei uns gibt’s nix mehr zu holen.

Und siehe, ich aber sage Euch, ich rufe den Feministen zu: Euer einziger verbliebener Kampf ist der gegen Euch selbst und gegen Euer Mittelmaß. Die Frau von heute ist schon emanzipiert, die ist aber schon sowas von emanzipiert, … – die weiß garnicht mehr wohin damit. Wo steht er denn der Feind? Der Mann. Für die gemeine Alltagsfeministin ist das Feindbild doch unerreichbar. Der Papst, ein paar (0,5%) elitäre, aristokratisch organisierte Wirtschaftsbosse … und vielleicht das kleine, arrogante Macho-Arschloch aus dem Single-Haushalt gegenüber, der’s selbst noch nicht gerafft hat? Was für eine Herausforderung für die Neue Frau! Mit den Waffen einer Frau? Demonstrativ-promiskuitive Selbstdarstellung, esoterisches Samaritertum, kulturelle Vernisagen-Selbstfindung oder als betriebsorganisierte Feminismusbeamtin? Oder was? Die europäischen Feministen drehen sich desorientiert um sich selbst. Es geht nur noch um Quote, politische Lippenbekenntnisse und ob man statt StochastikerIn vielleicht Stochastin sagen könnte. Oder was man dagegen unternehmen könne, daß Frauen das F-Wort vermeiden wollen. Oder sie bekämpfen sich gegenseitig mit Eva Hermann Zitaten und Behauptungen, Feminismus habe Frauen „erfolgreich, einsam, kinderlos“ gemacht.

Ich persönlich glaube, Frauen von heute, bei uns, sind in der Masse emanzipiert. Sie haben eine eher diffuse Vorstellung davon, was Feminismus noch bedeuten könnte, sind dementsprechend desorientiert, liest feministische Bücher als Yoga-verwirklichte Karrierefrau in einer routinierten, freudlosen Zweckehe oder als frustrierter Single. Dazu esoterische Selbstfindung in einem Kontext Frau.  Diese Frauen sind emanzipiert, aber eher zufällig. Trotzdem würden sie für sich in Anspruch nehmen:

Sie orientieren sich an ihren eigenen Kriterien und Maßstäben und nicht an denen der Männer oder des Mainstreams. Das macht das Leben enorm leichter!

Sicherlich gibt es Hindernisse und Widrigkeiten, aber die sind für eine Feministin eben genau das – Hindernisse und Widrigkeiten – und nicht mehr. Zum Beispiel sind sie kein Grund mehr, sich dauernd mit Selbstzweifeln und dem Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit herumzuquälen: Wenn ich die Anerkennung bestimmter Leute nicht mehr suche, dann bin ich von dieser Anerkennung auch relativ unabhängig. (Antje Schrupp)

Nun, also eigentlich das Normalste von der Welt. Kommt also endlich runter, die Party ist vorbei.

Nun, das ist meine persönliche Meinung. Aus meiner Perspektive können Frauen längst anfangen, Selbstverständlichkeit zu leben. Weil das völlig normal ist heutzutage, und kein Ettikett benötigt. Nicht mal, wenn man Selbstzweifel oder Unzulänglichkeiten entdeckt – die haben Männer auch. Auch ohne, daß man sie einzig darauf projiziert, nebenbei. Na und? Was soll man da heutzutage ein Gewese drum und ein Ettikett dran machen? Definiert Euch doch zur Abwechslung mal über Euch, über Euer Selbst, über das, was Ihr erreichen wollt.

Ihr seid jetzt erwachsen, benehmt Euch auch so.

________
Nachtrag 24.4.’10: So ungemein herrlich, poetisch und passend hierzu ist „Betaisierte Männer“ von zynaesthesie
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4 Responses to “Das F-Wort”

  1. n00dl3 Says:

    Hey

    Ich kann dir eigentlich nur beipflichten. Die Frauen stehen sich halt oft selbst im Weg. Mütter sehen kinderlose Frauen als Personen ohne erfülltest Leben und Frauen ohne Kinder sehen in Müttern nur das verlorene Leben wegen den Kindern. Viele Frauen sollten lernen hinter den eigenen Lebensentscheidungen zu stehen und diejenigen der anderen Frauen zu akzeptieren. Leider werden diese Konflikte leise, ja fast unsichtbar geführt, das macht es umso schwerer.

    • neglectable Says:

      Ja schon. Wobei es mir in erster Linie darum geht, daß Entscheidungen, oder auch Konflikte, keine Dinge sind, die Frauen gepachtet haben. Es handelt sich hier doch meist um das ganz normale Leben. Nur wenn es zufällig das Leben einer Frau ist, dann pappt frau gern das Gütesiegel „Frauensache“ dran, um eine Mücke zum Elefanten zu qualifizieren. Jedenfalls ist das mein Eindruck der Daseinsberechtigung des Feminismus heutzutage, in der EU.

      Die Wenigsten nehmen den Aufkleber dort her, wo’s nötig wäre, wo noch etwas wirklich im Argen liegt und etwas zu bewegen wäre: afrikanische, asiatische oder islamische Kulturkreise etwa.

      Stattdessen sucht frau nach Klebeflächen am eigenen, eng bepflasterten Heck. Ich trenn‘ mich als Feministin von meinem Mann, ich als Frau deklariere meine Spiritualität oder meine Selbstfindung als Feminismus, oder ich rede einfach darüber, damit Feminismus nicht stirbt. Die Politik turnt vor, indem über Gehälter lamentiert und Quote zementiert wird.

      Wohin das führt? Ich habe mich glänzend amüsiert, wie Feministen (-innen, lol) ihren eigenen Mikrokosmos konstruieren, nur damit irgendwas zu sagen ist, etwa: http://www.philosophinnen.de/themen/femphil.html
      Weil wir (Frauen) den Feminismus weiter brauchen, genügt „Geschlecht“ nicht, „Gender“ muß her. Usw. und so fort. Ehrlich, ich hatte schwer gehofft, daß sich ein paar FeminstINNEN zu kritischen Kommentaren aufraffen: ich möchte wirklich wissen, (sehen, meinetwegen fühlen,) wo ich mich da irre. Leider bislang Fehlanzeige.

  2. n00dl3 Says:

    Wenn du es drauf anlegst findest du bestimmt einen Blogg von und für feministinnen, mit dem du sie hierher locken kannst. ;)
    Mich jedenfalls würde dieser Diskurs interessieren.

    • neglectable Says:

      Ich habe u.a. bei der zitierten Autorin schon zwei Kommentare mit Link angegeben. Leider scheint man lieber in eigenen Kreisen bleiben zu wollen – frau hat den Kommentar garnicht zugelassen.

      Nette Anekdote: Ich fragte eine Freundin, die ich seinerzeit als stramme, bekennende Feministin kennengelernt hatte, was für was Feminismus heute steht. Ihre Antwort: „Anachronismus“.

      Na toll. Da will man sich mal über seine Vorurteile hinweg mit etwas auseinandersetzen, und dann sowas.
      :D


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