Die Lösung heißt BGE?

April 8, 2010

Nein. Soviel vorab. Im Folgenden möchte ich, als Antwort auf die Kommentare von Frau Reglin-Hormann und auf ihren beachtlichen Artikel über die Änderung von Arbeit, darauf eingehen warum das bedingungslose Grundeinkommen keine Antwort ist. Ich habe schon gezeigt, daß es eine Alternative sein kann – aber nicht mehr -, und auch warum ich es für unnötig, sogar gefährlich halte. Es ist eine Antwort, wo keine verlangt wird. Doch der Reihe nach.

Zunächst fasse ich kurz zusammen, was ich hier: über das bedingungslose Grundeinkommen als Konzept gesagt habe. Ich bin der Ansicht, daß es in der Sache eine Alternative zum bestehenden Transfermodell von Sozialleistungen ist. Dieses bestehende Modell funktioniert (sicher nicht optimal) nicht zuletzt, weil die Bedürftigkeit der Empfänger geprüft wird und darauf eingegangen werden kann. Über die Bezugshöhen und damit seine Wirksamkeit läßt sich trefflich streiten – aber das ist nicht das Thema. Das BGE sagt im Kern: vergessen wir die Bedürftigkeitsprüfung und geben die Bezugshöhe B an jeden Bürger (bzw. Menschen).

Ich habe dort, wie ich meine: deutlich, gezeigt, daß es für den Leistungsempfänger hinsichtlich der Leistungshöhe nichts ändern wird, und im Idealfall auch nichts für den Leister, dessen Leistung nun steuerlich mit seinem Einkommen verrechnet wird. Dessen Einkommen besteht nun lediglich aus dem Teil BGE (B) plus das um genau diesen Anteil verringerte vorherige Einkommen – die gleiche Summe. So das postulierte Prinzip.

Soweit spricht überhaupt nichts dagegen. Es handelt sich, ich wiederhole das gerne, um einen alternativen Ansatz. Meine Kritik richtet sich darauf, daß es uns erstens nicht wie eine Alternative verkauft wird, sondern als humanistischere, gerechtere, progressivere Lösung, daß es zweitens ein Ausweg sein solle, wo überhaupt keiner verlangt wird, und daß es – schließlich und folglich – drittens ein Experiment ist und zwar ein gefährliches.

Erstens also, Frau Reglin-Hormann, malen sie eine rosige, ideale, phantastische Zukunft dank des BGE, eine Utopie mit mehr Gerechtigkeit und mehr Freiheit. Das BGE, so der Diktus, ließe uns alle sorgenfreier handeln: all unsere Motivation und Kreativität könnten wir fortan in eine neue Gestaltung der Gesellschaft stecken, uns familiär und persönlicher um unsere Alten kümmern (oder allgemein um die Benachteiligten). Das klingt großartig, lasset uns in den Jubel einstimmen.

Dies setzt dreierlei voraus: Die Bezüge B, mithin das BGE, wären deutlich höher als die derzeitigen durchschnittlichen Bezüge, und die Wirtschaft würde sich so verhalten und – besonders – entwickeln, wie von Ihnen erhofft und prognostiziert. Dann wäre das Konzept allerdings keine Alternative, sondern ein Gesellschafts- und Wirtschaftsmodell, und hierfür sind viel zu viele Faktoren nicht berücksichtigt. Und schließlich: die Menschen unserer Gesellschaft wären, neben dem Enthusiasmus dafür, in großer Mehrheit gut, bescheiden, altruistisch, sozial, fair und freiwillig. Ich will garnicht absprechen, daß viele es oder einiges davon sind, aber ich sage: nicht ausreichend! Werfen wir einen Blick in die Zeitung, in Blogs, in die Welt und fragen uns: Wieso tut es der Mensch nicht schon längst? Sie sagen: weil er erst mit dem BGE dazu in der Lage wäre. Ich sage: Weil er nicht so ist. Unsere Wohlstandsgesellschaft könnte das längst (oder besser, je nach Standpunkt) leisten, gegenüber Schwellenländern, Migranten, Andersdenkenden … Jedermann.

Mein Vorwurf an Sie als Verfechterin des BGE: Sie nehmen das bedingungslose Grundeinkommen als Bedingung für ein Menschenbild.

Die erste Voraussetzung ist eigentlich eine Folge dessen, der drittgenannten: Da der Mensch sich also noch nicht so verhält, wie ihn das BGE-Konzept gerne sähe, bekommt er offensichtlich nicht genug, um sich entsprechend zu entfalten. Folglich müßte das BGE deutlich höher ausfallen, als die derzeitigen bedingungsgebundenen Bezüge B. Das steht aber im Gegensatz zu dem, was das BGE verspricht und sein will. Es bringt uns zur wirtschaftlichen Komponente als zweite Voraussetzung. Die BGE-Verfechter gehen von einer wachsenden, technisierten Produktion aus, die entsprechende Einzahlungen in das System erwirtschaften würde. Mithin erwarten Sie, in Ihrem lesenswerten Artikel, ein Weniger an produktiver Arbeit durch Rationalisierung und folgern die Möglichkeiten einer Umverteilung der Arbeitskraft in z.B. soziale Arbeitsleistung, ich interpretiere allgemeiner: in Dienstleistungen. In dieser Einschätzung sind wir weitestgehend beieinander.

Was bedeutet Rationalisierung? Die Steigerung der Produktivität ist dabei leider nur ein Teilaspekt. Die Produkte werden dadurch billiger, oder es werden mehr davon hergestellt. Die Folge sind Überversorgung oder Preisverfall, platt ausgedrückt. Die anderen Aspekte aber heißen u.a.: Produktverbesserung, Innovation, Preisdruck und Absatz. (Und schließlich gelten die Gesetze auch im Dienstleistungsbereich. Nebenbei halte ich dies für die Schwachstelle in der von Ihnen zu Recht bemängelten Realität von Pflege-, Erziehungs- und Bildungsberufen u.a., aber leider auch – sogar stärker – in der von Ihnen gezeichneten Gegenwelt). Ich vereinfache, um die Position deutlich zu machen.

Die Produkte benötigen also einen Absatzmarkt, Konsumenten. Diese müssen sich die Preise leisten können. Entweder ist also das BGE entsprechend hoch, oder die Preise entsprechend niedrig. Wenn die Erwartung stimmt, daß Rationalisierung für weniger Arbeit sorgt, so ist bedeutet dies: Der Anteil an Unternehmern (und etwa Verwaltungsangestellten) bleibt gleich, während der Anteil anderer, also Arbeiter am Band oder vielleicht im Vertrieb, sinkt: wegrationalisiert wird. Er kann nun, in der rosigen Utopie des BGE, bequem mit den Schultern zucken und sich im Hort um die Kinder oder im Altenheim kümmern. Soweit der schöne Teil, wenn ich mit meinen Zweifeln oben falsch lag. Dies bedeutet aber auch, daß die wirtschaftliche Basis, überspitzt, von den Herren der Maschinen getragen wird. Den Unternehmern und ihren Schergen.

Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten: Erstens Verstaatlichung oder Unternehmertum von gleichgeschalteten Unternehmern mit Einkommensbegrenzung auf BGE-Niveau – völlig irreal, lächerlich, kommunistisch und unpraktikabel, hier indiskutabel -, oder aber exorbitante Einkünfte dieser Unternehmer(schergen), also horrende Boni on top Ihres BGE, um ihre Arbeitlast und Innovationskraft überhaupt zu motivieren. Folglich eine noch krassere Zweiklassengesellschaft: Die Wirtschaftselite und die BGE gestützten Konsumenten.

Bevor man jetzt kollektiv aufschreit: genau, das haben wir in Ansätzen schon jetzt. Ich sag ja, es würde sich bestenfalls nichts ändern. Preisverfall und Ausgleich durch Rohstoffpreise, Änderung von Absatzmärkten und so weiter, all die anderen Aspekte, lassen sich ganz genauso betrachten. Der Einfluß im Unterschied zur BGE-losen Gegenwart oder Zukunft: null.

Zweitens, und ich habe das bis hierhin nun mit einem zweiten Ansatz gegenüber meinem ersten Artikel gezeigt, zweitens handelt es sich um eine nicht notwendige Alternative. Wenn man sich bisher die Mühe gemacht hat, der Argumentation aufgeschlossen zu folgen, dürfte klar sein: das BGE löst das Problem Arbeitsvernichtung und Arbeitsverlagerung nicht. Es bietet eine Alternative zum bisherigen Modell des Sozialtransfers, die BESTENFALLS genauso gut oder schlecht ist wie das bestehende System. Alle Annahmen, auf denen es beruht, sind auf das jetzige System mindestens genauso anwendbar, und umgekehrt: alle Schwierigkeiten, Annahmen und Prognosen, einschließlich sich verändernder Rahmenbedingungen von Arbeitsmarkt, Preis-, Absatz-, Konsumentwicklung und so weiter, treffen das BGE Konzept mindestens genauso wie das bestehende System. Für den Kern unserer Probleme – veränderten Arbeitsbedingungen, die wachsende soziale Kluft, die Grundversorgung unsere Schwächsten – bietet es daher keinen Ausweg.

Ja, es könnte ein Teil eines Gesellschaftsentwurfs sein. Es könnte ein kleines Bruchstück sein. Es könnte, befürchte ich – ein erster Versuch sein, eine  Gleichmacherei der Gesellschaft im edlen Gewand zu tarnen. Und das macht freiheitsorientierten Individuen Angst. Ich werde hier nicht weiter darauf eingehen, ich habe es am Ende von Erstens und in meinem vorherigen Artikel schon angedeutet, und Sie, Frau Reglin-Hormann, haben dem – persönlich – energisch widersprochen. Lassen wir das einfach so stehen.

Drittens: Was uns im Mikrokosmos des Alltags als tauglicher Versuch erscheint, nämlich einen vielleicht gleichguten Ansatz als Alternative einfach mal auszuprobiern, ist in diesem Maßstab verwerflich. Alleine auf die schönen Konjunktive kann man bei Gesellschaften nicht bauen, und mögen sie noch so rosa sein. Das ist fahrlässig. Ich bin der Letzte, der im Lebensbereich des Alltags nicht risikobereit genug wäre und Chancen ergreift, wo immer sie sich bieten. Die begrenzten Auswirkungen von diversen, unweigerlichen Fehlschlägen trage ich mit Fassung, das ändert nichts an meiner positiven Stimmung.

Sie könnten Recht haben. Ja, wirklich. Alle von Ihnen genannten Appelle könnten wirken, alle Vielleichts eintreffen und alles Innehalten zu den richtig edlen Antworten führen. Alle Menschen könnten sich am Riemen reißen, gut und edel zueinander sein, Egoismen über Bord werfen und ihre Bedürfnisse individueller leben. Nochmal: wieso soll das bedingungslose Grundeinkommen dafür Bedingung sein?

Also nicht. Der letzte Satz Ihres Arbeitswandlungsartikels gilt demnach genauso:

Fangen wir doch endlich damit an!

Nur daß sie damit anfangen wollen, indem Sie unnötigerweise und mit vielen rosabemalten, risikobehafteten Konjunktiven am Makrokosmos der Gesellschaft herumzündeln wollen, dagegen verwehre ich mich entschieden.

Ich freue mich auf jede Antwort – bitte, ohne mich gleich in die konservative, geistig unflexible und unsoziale Ecke zu stellen.

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9 Responses to “Die Lösung heißt BGE?”

  1. erika42 Says:

    Sehen Sie die Gegenwart, so wie das System heute ist, nicht als gefährdet an? Das ist meine Frage an Sie. Warum, glauben Sie, dass kein Ausweg gefordert wird bzw. notwendig scheint? Diskutieren wir in unserem Land etwa in der Mehrzahl einen Zustand, der gar nicht anzuprangern ist?

    Ich verstehe Ihre Kritik am BGE in der Hauptsache darin, dass Sie sich mit dieser Art des Menschenbildes nicht anfreunden können. Denn wäre es anders, würden Sie dem heutigen System ebenfalls vorwerfen müssen, mit den Erträgen und den Leistungen seiner Bürger ein unangemessen hohes Risiko einzugehen.

    Der gänzlich neue Betrachtungsansatz des BGE befindet Arbeitslosigkeit, Krankheit und Alter als einen Umstand, den es nicht zu bekämpfen, sondern als gegeben anzuerkennen gilt. Im Gegensatz zur Gegenwart, bei der Arbeitslosigkeit, Krankheit und Alter ein hohes persönliches und gesellschaftliches Risiko darstellen. Wobei völlig klar ist, dass keines der genannten Risiken jemals aus unserem Dasein verschwinden wird.

    Sprechen wir also von den Risiken, die die derzeitigen Systeme auf die Zukunft gemünzt, immer weniger abdecken können:
    Sprechen wir vom Risiko Krankheit. Die gesetzlichen Beiträge sind kontinuierlich gestiegen, während der Leistungskatalog kontinuierlich eingeschränkt wurde. Hatten wir noch in den 70er Jahren eine nahezu abdeckende KV, die auch die zahnärztliche Behandlung einschloss, so ist das heute ganz anders.

    Sprechen wir von dem Risiko Alter, bei dem es so ist, dass die gesetzlichen Beiträge in die Rentenversicherung längst nicht mehr durch die Beitragszahler, sondern immer mehr auch aus dem Steuertopf finanziert werden müssen und dass die dynamische Anpassung der Renten an die Wirtschaft in den letzten Jahren stark gelitten hat. Betrachten wir uns die Anzahl der steigenden Rentenempfänger, das Älterwerden der Gesellschaft und die fehlenden Geburten bzw. den Rückgang der Famlien. Betrachten wir das Abdriften des bürgerschaftlichen Engagements in die Wirtschaft und noch dazu die weniger werdenden Kinder, die ihre Eltern pflegen können.

    Und sehen wir das Risiko Arbeitslosigkeit.Im System der Arbeitslosenversicherung herrscht ein unangemessenes Kontrollieren seiner so Versicherten. Nicht nur, dass man als ALG I-Empfänger nachzuweisen hat, dass man sich auf Stellen beworben hat, dass man zu vom Amt festgelegten Terminen zu erscheinen hat, wo man vom Mitarbeiter allenfalls als Akte verwaltet wird, doch nie eine kompetente und echte Beratung erfährt (obwohl die dort Tätigen sicher manchmal viel lieber anders verfahren würden), ist das an sich schon sehr fragwürdig. Vor allem, wenn man in diesem Leistungsbzug als Einzahler bereits einem Misstrauen ausgesetzt ist, das seine einzige Berechtigung darin findet, dass es Leute gibt, die das System missbrauchen. Darauf konzentriert sich dann das Funktionieren dieses Systems. Wir schaffen Kontrollapparate, die nicht mehr im Verhältnis zu dem tatsächlichen Missbrauch stehen. Befeuert wird das Ganze durch populistische Aussagen und mediale Schlagzeilen, die so tun, als wäre der Anteil der Missbräuchler eine Gefahr für die Allgemeinheit. Es wäre zu wünschen, dass man den Leuten, die dieses zu entscheiden und zu ermessen haben, wieder mehr Verantwortung übertrüge (mal ohne BGE nachgedacht) – diejenigen, die in einer solchen Behörde arbeiten, sehen als erstes, wer ein Missbrauchskandidat sein könnte und wer nicht. Stattdessen stülpt man aber die Gesetze über alle und macht damit eigentlich alles nur schlimmer statt besser.

    Und dann haben wir uns einen Apparat geschaffen, der an Bearbeitungsaufwand und Kostenverursachung kaum noch zu überbieten ist. In Sachen Transferleistungen beinhaltet unser Katalog etwa 150 verschiedene Leistungen. All diese Leistungen muss man a.) erstmal kennen b.) verstehen und c.) im Anspruchsfall durchlaufen – die Fälle von Anfechtung und Widerspruch noch nicht berücksichtigt. Teilweise hat dies alles so absurde Ausmaße angenommen, dass es in keinem Verhältnis mehr zum Nutzen steht.

    Um Ihnen mal ein paar sachliche Argumente pro BGE zu liefern: Das BGE ist eine Forderung, die gleichzeitig eine starke Vereinfachung unseres Steuer- und Sozialversicherungssystems zufolge haben würde. Steuerbestimmungen und Steuerrecht genau wie die Sozialgebung haben eine Kompliziertheit erlangt, wie man sie kaum noch toppen kann. Es ist ein natürlicher Drang, diese Dinge wieder vereinfachen zu wollen. Mit Steuerabgaben, die erstens wieder jeder verstehen kann, also transparent sind und einem Grundeinkommen, das einen Leistungskatalog ersetzt, der allein durch sein Existieren so viel Geld verschlingt, dass es schade darum ist und wir sicher jede Menge Kindergärtenplätze damit finanzieren könnten (mal als Beispiel).

    Zu meinem Blog und den darin enthaltenen Aussagen zum Menschenbild und Verantwortung: Dies ist meine ganz persönliche Intention, dazu beizutragen, dass der Mensch „zu sich findet“. Es geht mir hierbei ganz speziell um die Notwendigkeit, Verantwortung nicht in der anonymen Gesellschaft zu suchen, sondern in dem Bereich, den man anfassen und verstehen kann. Alles, was sich in Bezug auf Zwischenmenschlichkeit außerhalb des eigenen sinnlichen Erfahrungsbereiches abspielt, entzieht sich einer persönlichen Beurteilung. So kann ich nur das glauben oder wiedergeben, was ich selbst in der Interaktion mit Menschen erfahren und erlebt habe.

    Ob Ihnen die Menschen daher unfair, böse, egoistisch, irrational, gefährlich, missgünstig oder gar gefährlich erscheinen, mag daran liegen, dass Sie einen Großteil dieses Menschenbildes entweder aus zweiter/dritter Hand haben (Medienberichte, Bilder und Texte über Krieg, Verbrechen und Kriminalität, Gier, Sucht) oder/und deshalb, weil Sie in der Hauptsache schlechte Erfahrungen mit Ihren Mitmenschen gemacht haben.

    In der Erziehung/Manipulation durch Literatur, Medien und einem allgemein als wahr empfundenen Menschenbild ist es schwer, eine Überzeugung reifen zu lassen, die sich weniger auf Konkurrenz als vielmehr auf Kooperation beruft. Dennoch kann man es probieren. Sie haben diverse Adjektive benutzt, die ich bereits mehrmals gehört habe – meine Anschauung wird häufig als „träumerisch“, „rosig“, „realitätsfern“ bezeichnet. Und doch weiß ich, dass ich näher an jeder Realität bin, als jemand, der sich in der Hauptsache dadurch definiert, dass er in einer feindlichen Umgebung nur für sich allein kämpft. Beispiele im Alltag zeigen mir das, es wäre müßig, das hier aufzuzählen.

    In einigen Ihrer Äußerungen erkenne ich ein lediglich vermeintliches Zustimmen, dass Erziehung und Fürsorge als wertvoll anzuerkennen sind.
    Wenn Sie so lapidar davon reden, dass mit einem BGE die sich nach neuer Arbeit Umschauenden „bequem mit den Schultern zucken und sich im Hort um die Kinder oder im Altenheim kümmern“ würden. Erstens ist das nicht „bequem“, sondern es handelt sich hier um sehr verantwortungsvolle und herausfordernde Aufgaben, die an Signifikanz kaum zu überbieten sind. Zweitens erkenne ich daran, dass die Betrachtung stets aus einer sachlich ökonomischen Brille stattfindet, weil sich in der Fürsorge und in der Pflege von Menschen kein direkter wirtschaftlicher Nutzen ableiten lässt. Was auch in keinem Fall so sein darf, da wir ansonsten die Umstände noch verschlimmern, die ohnehin existieren und wo man mit Alter und Krankheit einen Markt zu schaffen versucht, der Alte und Kranke auch wieder nur als Konsumenten sieht (Heil- und Hilfsmittel, pharamzeutische Produkte etcetera). Diese und zahlreiche nicht benannte Umstände fordern ganz gewiss Alternativen und Handlungen von uns.

    Ich benenne meine ganz persönlichen Ansichten, Erfahrungen und Hoffnungen. Ich sehe mich als gedanklicher Türöffner für eine Freiheit, wie sie sich mir offenbart. Dass ich aber durchaus in Diskussionen einsteige, wiederspreche und tatsächlich meine Sicht der Dinge einfließen lasse, liegt daran, dass ich manches, was mir als „wahr“ angeboten wird, eben auch in Frage stelle.

    • neglectable Says:

      Zunächst zu Ihrer Frage: Doch. Das derzeitige System hat Mängel. Ich kann sogar akzeptieren, daß ein Ausweg nötig ist. Nur das BGE ist keiner, wie gezeigt, und behebt die Mängel nicht, wie gezeigt. Quasi eine Themaverfehlung. Wie gesagt.

      Die von ihnen angeführten Argumente sind mir bereits bekannt, und ich wiederhole: An die Vereinfachungen glaube ich nicht, weil ein BGE entweder „zu niedrig ist“, folglich Härtefälle ohnehin wieder Bürokratie erfordern, oder „zu hoch“, die Bürokratie dann woanders entsteht, nämlich in der Erwirtschaftungskette.
      Zu ihren Unterstellungen hinsichtlich meines Menschenbildes kann ich ebenfalls nur nochmal fragen: Warum sollte es dann nicht ohne BGE bereits funktionieren?

      Die“ Argumentation“, ich hätte meine sozialen Erfahrungen aus der Zeitung, und würde nicht zu schätzen wissen, wenn jemand sich empathischer um meine Kinder oder meine demente Großmutter kümmern würde, ist einerseits eine dreiste Unverschämtheit, vor allem aber geht sie völlig an der Sache vorbei. Nehmen Sie meinetwegen an, ich wäre ein misanthroper Soziopath. Es spielt sachlich keine Rolle und entkräftet nichts. Angenommen dagegen, wir sind alle die verantwortungsvollen Gutmenschen, die Ihr sonniges Leben angeblich bislang umschmeichelt haben, wieso haben wir dann die (eigentlichen) Probleme im Pflege-, Erziehungs- und Gesundheitswesen? Wieso geht denn der Arbeitslose oder teilzeit Arbeitende heute nicht einer vielleicht ehrenamtlichen, unterstützenden Tätigkeit nach, oder fährt der Angestellte am Wochenende lieber ins Gebirge?

      Wenn ich’s mir recht überlege, haben Sie das schlechtere Bild vom Menschen, denn sie knüpfen sein Mitleid und seine Aufopferung daran, daß es ihm besser gehen muss, verlagern seine sozialen Anstrengungen in eine bessere Zukunft. Wir sind bedingt gute Menschen, wenn wir nur ein bedingungsloses Grundeinkommen haben. Da bleibe ich lieber Realist. Bedingungslos.


  2. […] Menschenbild, unternehmen. Hinterlasse einen Kommentar Eine auf einem anderen Blog mit dem Namen neglectable geführte Diskussion möchte ich hier erneut aufgreifen und ein Argument heranziehen, das mir nahe […]

  3. erika42 Says:

    Hinsichtlich des Menschenbildes, das ich wohl so formuliert habe, dass es Ihnen zu nahe tritt: ich beziehe mich durchaus mit ein, was die negative Beeinflussung durch mediale „Überinformation“ betrifft. Ich bin ganz sicher nicht immun dagegen.

    Auch betrüben mich Aussagen aus dem Bekanntenkreis (Altenheimen, Krankenhaus) sowie eigene Beobachtungen. Hier in dem Mehrparteien-Mietshaus lebt eine demente sehr alte Dame, zu der mehrmals täglich ein Pflegedienst kommt. Die haben etwa 15 Minuten Zeit für Waschen, Bettzeug wechseln, Essenseinnahme und so weiter. Man kann die Frau nicht mal besuchen, weil sie nicht die Tür öffnen kann. Sie liegt den ganzen Tag im Bett und sieht Fern. Hinein dürfen nur Pflegedienstmitarbeiter und der gesetzliche Vormund.

    Dass ich Mitgefühl und Empathie schwinden sehe, hat damit zu tun, dass wir es uns langfristig finanziell nicht leisten können, weil wir entweder abseits unserer Familien leben, unseren Lebensunterhalt komplett durch eine 40Stundewoche bestreiten müssen und selbst wenn wir wollten, nicht auf Einkommen verzichten können. Das hat auch emotionale Folgen in der Gesellschaft.

    Ich denke nicht, dass die Menschen ihrer sozialen Aufgabe nicht nachgehen wollen, sondern dass sie es künftig in größerem Maße nicht können werden, weil wir nun mal alle auf unser Einkommen angewiesen sind. Und auch die Mitarbeiter von Pflegediensten sind ganz sicher nicht glücklich mit den Pflegestufen und der ihnen zur Verfügung gestellten Zeitspanne, die sie pro Pflegebedürftigem erhalten. Genau wie die Mitarbeiter in Schulen oder Kindergärten – hier in meinem Einzugsbereich sind erst kürzlich die Refinanzierungen der Kita-Plätze gestrichen worden. Eine solche Arbeit ist ganz sicher frustrierend.

    Die Antwort, warum wir die Probleme im Sozialwesen haben, findet sich zum Teil darin wieder. Weil viele diesen Teil der Pflege und Fürsorge abgeben müssen, steigen die Kosten im Gesundheitswesen und der Altenpflege kontinuierlich an. Diese Kosten machen Angst und die Umstände noch mehr. Uns sind die misslichen Umstände darüber weitestgehend bekannt.

    Wenn Sie die Aussage treffen, dass der Mensch nicht gut ist und auch nur mit BGE bedingt gut sein kann, dann erlauben Sie das Fahnden nach Ursachen für diese Aussagen. Irgendwo müssen Ihre Überzeugungen herrühren. Darauf bin ich eingegangen. In der Regel treffen Menschen ihre Aussagen über andere Menschen aus ihrem eigenen Erfahrungsschatz. Und wenn nicht daraus, dann aus der Aufnahme durch Berichte von anderen aus Literatur oder Medien. Oder einer Mischung aus allem.

    Dass ich annähme, Sie „wüssten nicht zu schätzen, wenn jemand sich empathischer um Ihre Kinder oder Ihre demente Großmutter kümmern würde“, davon war mir bis zu der Sekunde, als sie dies sagten, nichts bekannt.

    So gesehen, haben wir uns gegenseitig provoziert. Vielleicht mögen Sie darüber nachdenken, warum Sie das von mir unverschämt finden.

    Sie sagen, dass meine Aussagen oder die Forderung nach mehr bürgerschaftlichem Engagement auch mit den gegenwärtigen Mitteln und Möglichkeiten machbar sein sollte. Tatsächlich ist das so. „In Deutschland sind 23 Millionen Menschen über 14 Jahren ehrenamtlich in Vereinen, Verbänden, Initiativen oder Kirchen tätig“ (siehe Wikipedia und Quellenbenennung). Dass diese Zahl scheinbar nicht mehr ausreicht und sie meiner Meinung nach – mit gegebenen Voraussetzungen – noch sinken wird, macht die Dringlichkeit einer Veränderung bzw. Vorsorge deutlich. Wie sonst lässt es sich erklären, dass wir Pflegestufen brauchen, Kita-Gutscheine, Hartz IV und mehr, womit unsere gesellschaftliche Teilhabe immer weiter einschränkt wird?

    Dass Arbeit und Einkommen so unabdingbar aneinander gekoppelt sind und damit die Systeme speisen, die in ihrer Funktionsweise und der gelebten Umsetzung ziemlich viele Übel mit sich bringen, berührt mich persönlich über alle Maßen. Ich habe darum gemutmaßt, dass es Ihnen vielleicht ähnlich gehen mag.

    • neglectable Says:

      Ich werde Ihnen eine kurze Übersicht geben woher mein Menschenbild kommt, neben persönlichen Erfahrungen eines 40-Jährigen: Ich habe ein intensives Arbeitsleben nach einem naturwissenschaftlichen Studium und habe mich mit Platon, Macchiavelli, den Aufklärern, Kant, Hegel, Feuerbach, Popper und einigen anderen Philosophen direkt, also nicht über Sekundärliteratur, auseinandergesetzt. Zum Leidwesen meines großen Bekanntenkreises und zur Freude meines kleinen Freundeskreises und meiner Familie bin ich zudem sehr diskussionsfreudig. Ich bin daher überzeugt, ein überdurchschnittlich differenziertes Bild meiner Mitmenschen zu haben. Ich werde nicht weiter darüber nachdenken, warum ich es unverschämt finde, bedanke mich aber für die Psychoanalyse. Das klingt arroganter als es gemeint ist. Wenn man mir sagt, ich wäre unverschämt, dann denke ich darüber nach, statt es von meinem Gesprächspartner zu verlangen.

  4. erika42 Says:

    Wenn in der Hauptsache der Mensch Ihren Aussagen zufolge weniger gut ist, dann sagen die vielen ausgeübten Ehrenämter was aus?

    Sie addressieren an mich, dass mein Menschenbild scheinbar noch schlechter ist als Ihres und mutmaßen über mein „sonniges Leben“. Was allerdings so klingt, als nähmen Sie mir das nicht ab. Vielmehr, als meine eigenen Erfahrungen in der Interaktion mit Menschen kann ich jedoch nicht in die Waagschale werfen. Ihre Antwort impliziert, dass ich, genau wie alle anderen, eben auch nicht „gut“ sein kann, weil es scheinbar nicht in der Natur des Menschen liegt, dies sein zu können?

    In der Tat habe ich über das Wort „unverschämt“ nachgedacht und mich darauf bezogen bzw. mich noch einmal erklärt. Ich hatte nicht vor, Sie persönlich anzugreifen, tat es aber wohl doch. Darum spielte ich den Ball noch einmal zurück – das mag nervig sein.

    Dass ich auf dem Thema herumreite, hat damit zu tun, dass ich gerne wissen möchte, woher diese Anschauung kommt. In den vielen Gesprächen stelle ich häufig fest, dass die Eigen- und Fremdwahrnehmung sich in der Regel stark voneinander unterscheidet. Bezieht man ein Grundeinkommen auf sich selbst und was man damit anstellen würde, so antworten die meisten Leute, dass sie ihr Leben nach wie vor mit Arbeit bzw. einer sinnhaften Tätigkeit verbringen würden. Stellt man dieselbe Frage in Bezug auf die Umwelt, findet eine andere Einschätzung statt. So glaubt jeder von sich, er sei verantwortungsvoll, erwachsen, bewusst – gut eben, während die anderen es scheinbar nicht sind. Aber wer sind denn „die anderen?“. Damit lande ich dann wieder dort, wo wir nur das einschätzen können, was uns unmittelbar umgibt. Unsere Mitmenschen, mit denen wir täglich zu tun haben. Hier kann ich nur sagen, dass meine Erfahrungen überwiegend positiv waren – und waren sie es einmal nicht, so lag das meistens an mir und nicht an meinem Gegenüber. In dem Augenblick, wo ich jemandem gegenüber feindlich, unfreundlich oder sonstwie negativ eingestellt bin, ernte ich ähnliche Reaktionen. Im umgekehrten Fall funktioniert das natürlich genauso.

    Ich stelle nicht Ihr differenziertes Vermögen in Frage, sich ein Menschenbild zu machen, ich wüsste nur gerne, warum Sie es haben. Womit ich gleichzeitig die Frage stelle, ob das Privatleben sich mit dem deckt, wie man es aus Medien, Literatur und so weiter dargestellt bekommt bzw. nachlesen kann. Ich bin – und darauf deutet alles hin – der Ansicht, dass wir uns sehr viel mehr davon beeinflussen lassen, als uns lieb ist. Genau wie die meisten behaupten würden, dass ihnen Werbung „nichts anhaben“ kann und das Kaufverhalten objektiv ist, wissen wir doch, dass es das nicht ist. Und ich schließe mich selbst ein.

    • neglectable Says:

      Sie haben recht, es wird etwas nervig. Sie haben sich Ihr Bild doch gemacht und glauben mir nicht. Sie möchten wissen, woher „diese Anschauung“ kommt, ich habe es Ihnen erklärt und trotzdem möchten sie wissen …
      Das Ganze ist eben mehr als die Summe seiner Teile.

      Die Ehrenämter: Statistik. Sind das viele, nur weil sie weniger werden? Der Vater als Fußballtrainer ist auch ein Ehrenamt der Statistik – ob das aber Hobby, Vaterpflicht oder Überzeugung ist, darüber sagt die Zahl nichts. Die Aussagekraft hier halte ich daher für sehr gering.

  5. erika42 Says:

    Dann belassen wir es dabei.


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