Bedingungsgebundenes Grundeinkommen

April 3, 2010

Als ich neulich durch die Blogsphäre spazierte, landete ich buchstäblich im Grünen: welcome the future, ein Blog betreffend das bedingungslose Grundeinkommen, grüngewandet, viel mir durch einen Artikel über die Haltung der Menschen – okay: von uns Menschen – in der Arbeitswelt auf. Ich habe den Kern des Blogs, also seine Idee, nicht gleich erfasst, wurde aber bald neugierig. Es geht, vereinfacht gesagt, darum daß jeder das Gleiche bekommt.

Im Sinne von Geld. Und das ist eigentlich nicht mal vereinfacht, sondern bringt es auf den Punkt. Jeder Bürger soll das gleiche Geld bekommen, egal was er auch anstellt oder eben nicht – bedingungslos eben. Meine erste Reaktion war, erstmal loszupoltern. Leider hatte ich bis dato nur wenig Ahnung von der Argumentation dieser Initiative und habe den Impuls daher schon wieder unterdrückt – um mich zu bewaffnen.

Was also ist damit überhaupt gemeint? Die Seite www.grundeinkommen.de klärt das dankenswerterweise in einem FAQ auf. Demzufolge soll es

  • die Existenz sichern und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen,
  • einen individuellen Rechtsanspruch darstellen,
  • ohne Bedürftigkeitsprüfung ausgezahlt werden und
  • keinen Zwang zur Arbeit bedeuten.

Starker Tobak. Wie? Steuern. Aha. Habe ich, kenne ich. Ausreichend.

Warum? Und ich meine das aus einem zutiefst philosophischen Gedanken heraus, unabhängig von Finanzierbarkeit, Hartz-IV Einzelschicksalen und Sozial-Utopien. Warum also? Ich lese dort, es handle sich um ein „universelles soziales Menschenrecht“ – davon höre ich allerdings zum ersten Mal. Tatsächlich nennt Wikipedia als Menschenrecht der Zweiten Generation den gleichen Lohn. Damit ist aber der Lohnanspruch für gleiche Arbeit gemeint, wie das weitere Recht auf soziale Sicherung hinreichend zeigt. Das wär ja sonst nicht erwähnenswert.

Es wird nun endlich philosophisch

Die Frage nach der Gerechtigkeit wird beantwortet. Speziell der Leistungsgerechtigkeit. Den Unterschied diskutier ich mal lieber nicht. Wörtlich: „Sollte nicht jeder, der von der Gesellschaft etwas erhält, dafür auch konkret etwas leisten?“. Schon möglich. Aber ist das realistisch? Es wird munter gefieselt:

In dieser Frage stecken drei Grundannahmen. Erstens: Nur ein Mensch, der etwas leistet, hätte ein Existenz- und Teilhaberecht. Zweitens: Leistung wäre objektiv bestimmbar. Drittens: „Die“ Gesellschaft würde das Grundeinkommen erarbeiten. (besagte FAQs)

Weia. Die Antwort darauf (Annahme 1) lautet sinngemäß, es wäre mal wieder ein Menschenrecht, dagegen etwa Hartz-IV menschenrechtswidrig, und durch die Negation wäre der Beweis erbracht: Wer nix leistet, darf nicht existieren oder an der Gesellschaft teilhaben. Das könne ja nicht sein. Naja, Beweisführung sieht anders aus, aber dazu später. Ein BGE würde zudem eine solche Leistungserbringung für die Gesellschaft erst ermöglichen. Die Antwort auf Annahme 2 laute, es gäbe keine objektiven Leistungskriterien. Hmkay.
Zu Annahme 3 fasse ich mal zusammen, daß ja „gesellschaftlicher Wohlstand“, durch ebendiese Gesellschaft erarbeitet und folglich auch allen gehören müsse.

Soso, das riecht ja schon schwer kommunistisch. Ich entschließe mich hier mal gleich auf den Aspekt der Gerechtigkeit einzugehen. Der Rest der FAQs verliert sich damit möglicherweise von selbst.

Eine kritische Betrachtung der „Gerechtigkeit“

Zunächst: sie wird überschätzt. Die Gerechtigkeit ist ein philosophisches Ideal, basierend auf einer gemeinsamen Moral und Ethik, und daher streng genommen ein potentieller Feind der Freiheit. Sie führt in Gesellschaften immerhin zur Rechtsprechung und Jurisdiktion, welche eine ganz brauchbare Normierung hergibt. Mit anderen Worten aber, sie ist Wandelbar. Nicht nur in der Folge der sie bedingenden Werte, sondern auch im praktischen Einsatz besagter Rechtsprechung.

Um nicht abzuschweifen: Wenn jeder der von der Gesellschaft etwas erhält, dafür auch konkret etwas geleistet hätte oder leisten würde, dann klingt das zunächst gerecht. Solange über den Anteil der Leistungen noch nichts gesagt wird. Die heterogene Gesellschaft bringt es so mit sich, daß nicht jeder das Gleiche leisten kann. Klar soweit. Auch, daß derjenige, der weniger leisten kann, deshalb mehr von der Gesellschaft erhalten muß, als derjenige der „nebenher“ noch für sich selbst wirtschaften kann. Letzterer muß für die Minderleistung aufkommen. Das nennt sich sozialer Ausgleich und ist eigentlich nicht mehr gerecht (im obigen Sinne) – aber eben notwendige Praxis. Hier ist also die Gerechtigkeit sowieso in Gefahr. In der Praxis ist das Problem, zu bestimmen, wer wieviel weniger leisten kann und ob er eigentlich könnte, um diese Gefahr zu minimieren.

Dieses Prinzip, egal wie gut es jetzt umgesetzt ist, bestimmt unsere sozialstaatliche Komponente, mithin die Gesellschaft. Es ist auch die richtige Antwort auf Annahme 1. Nur ist Annahme 1 keine wirklich immanente Frage, denn ein Mensch hat ein Existenzrecht – gut, daß ich auch mal mit Menschenrechten argumentieren kann – egal ob er was leisten kann. Sogar egal, ob er was leisten will. Und Teilhaberecht drängt mir die Frage auf, ob sich ein Mensch überhaupt außerhalb seiner Gesellschaft befinden kann. Das führt hier aber zu weit. Die falsche Antwort auf Annahme 1 wurde oben gegeben. Warum ist sie falsch? Folgen wir der Negierung der Autoren, würde es „nur jenen Menschen die Existenz und Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen, die … Leistungskriterien erfüllen. Tut ein Mensch dies nicht, würde ihm das Existenz- und Teilhaberecht abgesprochen„. Das ist schlichtweg falsche Polemik. Erstens werden ihm diese Rechte nicht abgesprochen, sondern schlimmstenfalls ihre Durchsetzung nicht ermöglicht oder unterstützt. Zweitens ist von den Kriterien der Leistung in der Annahme keine Rede. Und Drittens ist ja genau dafür der Gedanke einer sozialen Gesellschaft gedacht:  diese Existenz und Teilhabe aufrechtzuerhalten. Nebenbei: auf Kosten der Gerechtigkeit.

Ab hier wird’s dann leicht: Annahme 2 sagt, Leistung wäre objektiv bestimmbar. Also bitte, was ist schon Objektiv. Es liegt sicher kein goldener Leistungsmeter in Paris, und es gibt auch keine Leistungsreferenz-Atom-Uhr. Aber die gegebene Antwort, Leistung wäre nicht bestimmbar ist einfach falsch. Das gipfelt darin, daß unsere Gleichschalter plötzlich Individualisten und Demokraten werden: „Auch mögliche demokratisch bestimmte, also von einer Mehrheit anerkannte Kriterien dafür, was Leistung sei, müssen nicht auf Zustimmung aller stoßen.“ Echt jetzt? So ist das halt mal in einer Demokratie.

Also, Leistung ist ein Produkt bzw. eine Energie die aufgewendet werden muß, um ein bestimmtes Produkt zu erzeugen oder ein Ziel zu erreichen. Das ist meßbar, bestimmbar und, da es einen Markt dafür gibt, ist auch ein Wert dafür zu bestimmen.

… oder mindestens interessant: Die Gesellschaft, vermutlich die neue, schöne BGE Welt würde das nötige Kleingeld erarbeiten, so Annahme 3. Es würde ohnehin „der Gesellschaft“ gehören, so die Antwort. Und genau hier wird die Gerechtigkeit zur Gefahr für die Freiheit!

Wir bürsten unsere Gesellschaft mal auf drei Phaenotypen herunter, um das zu zeigen:

Herr Nobock steckt seine gesamte Energie in Vermeidungsstrategien von Arbeit. Er schöpft lieber sämtliche Rechtswege aus um sozialversorgt auf der Couch zu saufen oder mit den Kumpels trostlos jammernd abzuhängen, als anderweitig irgend einen Finger krummzumachen. Ja, der abfällige Unterton ist natürlich gewollt. Seine Motivation: Mehr Geld für weniger Arbeit, eventuell mehr Korn.
Frau Kannicht, gleichermaßen oder sogar geringfügiger sozialversorgt, findet sich dagegen mit Ihrem Schicksal nicht ab. Ihre Energie gilt der Arbeitsbeschaffung. Da sie zudem einen Mindestlohn benötigt, der ihrem Verständnis von Würde gerecht wird, der sich mithin von ihrer Sozialversorgung unterscheidet, ist dies oft eine trostlose Tantalus-Aufgabe, aber durchaus auch motivierend.
Schließlich der Angestellte mittleren Einkommens, Herr Hatschwein, der seine Energie ebenfalls in die Verbesserung seiner Lebensumstände steckt. In dem weitgehend akzeptierten, sozialen Bewußtsein, Herrn Nobock mitzuversorgen (auch Frau Kannicht, aber vielleicht nicht auf Dauer) trägt er die Gesellschaft ob er will oder nicht und ob ihn das motiviert oder nicht. Er trägt daher auch Verantwortung.

Nun ändern wir das System durch BGE. Herr Nobock ist weiterhin versorgt. Da er nun mehr Zeit hat – die Rennerei zu Sozialamt und -gerichten entfällt möglicherweise – wird er also diese Zeit nutzen, um sich der Malerei zu widmen. Oder noch länger mit seinen Tippelbrüdern rumzuhängen. Für ihn hat sich augenscheinlich nichts geändert, zu unserem Leidwesen. Sein Vorteil aber ist, daß er nun freier geworden ist. Es sei ihm noch gegönnt, meinethalben. Vielleicht hat er also nun weniger zu versaufen, als er vorher beim Sozialamt nach Bedürftigkeitsprüfung rausholen konnte, vielleicht aber auch mehr – wer weiß das schon. Und vielleicht ist er auch zufriedener, denn jetzt geht es seiner Meinung nach etwas gerechter zu.

Auch Frau Kannicht bemerkt eigentlich keine Änderung: Sie möchte weiterhin arbeiten, und aus der sozialen Versorgung herauskommen. Und sie ist weiterhin sozial versorgt. Nun, ist sie auch etwas freier geworden? Empfindet sie es jetzt als gerechter, daß sie ihre Würde und Ansprüche erarbeiten möchte, während jene dem Nachbarn Nobock neuerdings quasi zufliegen? Man weiß es nicht und wird es nicht wissen, aber motivierend ist diese Nachbarschaft nicht. Klar, ein schlechtes Gewissen wird sie haben, jenem das zu Neiden was sie sich erarbeiten will. Es ist nun ihre neue Freiheit, es ihm gleich zu tun. Es hätte ja keine Konsequenzen für die neue Gesellschaft. Vielleicht tut sie es.

Scheinbar hat auch Herr Hatschwein ein wenig zusätzliche Freiheit gewonnen, den nun kann auch er sich auf ein dauerhaftes Grundeinkommen verlassen, wenn er sich dafür entscheidet. Es ist nicht an Bedingungen geknüpft, also mindestens stabiler als sein derzeitiges Einkommen auf dem turbulenten Markt für Angestellte.  Er könnte also nun wahlweise mit Herrn Nobock rumhängen – ein Nobock werden, (oder er muß aus irgendwelchen Gründen zu Frau Kannicht werden und hat deren Wahl,) oder er bleibt was er ist. Träger der Gesellschaft. Wird er es als gerechter empfinden, daß Herr Nobock sich nun bedingungsloser rumtreibt? Daß Frau Kannicht aus ihrer Resignation heraus vielleicht mit Herrn Nobock bedingungslos abhängt? Als motivierender? Das darf man doch bezweifeln.

Vielleicht tun sie es ja nicht, aber wenn?

Wenn, dann wird man die Herrschaften Hatschwein an ihrer Verantwortung packen, sie daran erinnern, daß sie die Träger der Gesellschaft sind. Tatsächlich haben sie hier keine Freiheit. Sie tragen die Lasten weiterhin, sie tragen die Verantwortung weiterhin, und ihre Freiheit wird dadurch eher eingeschränkt.

Und was wenn nicht? Nichts. Das System BGE ist nichts anderes als ein alternatives Transfersystem von Leistenden zu Leistungsempfängern. Es ändert nichts, aber auch rein garnichts, hinsichtlich der Gerechtigkeit. Es ist aber ein gefährliches Experiment, mindestens hinsichtlich der Freiheit. Warum sollte eine funktionierende Gesellschaft einen „Freiheitstransfer“ riskieren, um einen alternativen Mitteltransfer auszuprobieren? Von der unabschätzbaren Finanzierung des Experiments im schlimmeren Fall ganz zu schweigen.

Ist es ein notwendiges Experiment? Keineswegs. Die Argumentation betreffend der universellen Menschenrechte Existenz ist doch allein von der Höhe der Transferleistung abhängig. Die Gefahr des Experiments lauert dagegen in seiner Bedingungslosigkeit. Sie ist Beliebigkeit.

Schließlich: die ökonomische Betrachtung

Richtig ist (soweit ich das beurteilen kann – und das ist nicht weit), daß im Idealfall ein BGE halbwegs finanziert werden könnte. Nicht viel besser oder schlechter wohl, als derzeitige Transferleistungen. Im Idealfall.

Selten übersteht ein Plan allerdings den ersten Angriff (sinngemäß nach Clausewitz, glaub‘ ich).

Hier wird auch argumentiert, daß das BGE mit dem bürokratischen Verhau bei sozialen Transfers aufräumen würde. Dies setzt aber zum einen Voraus, daß es wirklich nur einen BGE-Betrag gäbe – eine ebenfalls fragwürdige Praxis angesichts von möglichen Härtefällen – und läßt ferner außer Acht, daß es dafür ja eigentlich keine Anzeichen in unserem wohligen Beamtenstaat und der regelwütigen EU gibt. Die Formulare werden halt andere farben bekommen. Oder besser: wenn man wollte, könnte man den Verhau auch so mal ausmisten.

Weiter heißt es: „Eine Bindung der sozialen Sicherung an eine immer weiter abnehmende Basis führt zu einer Belastung der betrieblichen Lohnkosten, die die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft zunehmend verschlechtert.“ (Wikipedia)

Dem kann man nur entgegnen, daß ein BGE eine prosperierende Wirtschaft voraussetzt und gleichzeitig mindestens die Gefahr besteht, durch das Experiment eine Umschichtung zuungunsten gerade der Leistungsträger zu bewirken. Letzteres führt ebenfalls genau zu dem Befürchteten, und Ersteres ist auch keineswegs gesichert. Es bleibt ein gefährliches Experiment.

Abschließend die psychologische Komponente: Was mich am meisten an der Idee stört, und auch der Grund für mein sofortiges Lospoltern gewesen wäre, ist die deutliche Nähe zum Marxismus oder Kommunismus (das dürfen sich die geneigten Leser selbst aussuchen). Wie gleich hätte man uns denn gerne? Was für ein positivistisches Menschenbild soll ich denn verdammt nochmal mitbringen, damit man mich überzeugen darf, daß die edlen, guten Herren auch brav dem ideologischen Vorbild hinterhertrotten? Diese, meine Weisheiten habe ich mir bis zum Schluß aufgehoben: 1.) Der Mensch ist nicht gut. 2.) Der Mensch ist nicht gleich. 3.) ist komplizierter und wird an anderer Stelle behandelt (fup), zusammenfassend: Sozialstaatlichkeit, Normen, Ethik, Moral usw. sollen ein Rahmenwerk bilden, in dem der in 1 und 2 genannte Mensch ein Gesellschaftsbild zeichnen kann, sie sollen – dürfen – aber keinesfalls den Rahmen füllen und den Menschen gleichgeschaltet anpinseln.

Es ist ohnehin unerträglich, was man diesbezüglich aushalten muß. Das BGE ist ein gefährliches Experiment, das hierzu meiner Meinung nach einen weiteren Schritt darstellt. Nicht mit mir.

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9 Responses to “Bedingungsgebundenes Grundeinkommen”

  1. erika42 Says:

    Die Personen „Nobock“, „Kannicht“ und „Hatschwein“ haben eine Gemeinsamkeit: sie sind Ihrer Darstellung nach entweder Opfer, unmündig oder bequem. Diese drei Phänotypen haben meiner Ansicht nach nicht viel mit der Realität gemein: Sie werden reduziert auf das, was sie nicht haben, nicht können oder nicht wollen. Ihnen wird die Motivation abgesprochen, etwas (Sinnvolles/Werte-volles?) zu haben, zu können oder zu wollen.

    Ob sie also tatsächlich Opfer, bequem oder unmündig sind, ist die Frage – oder ob sie es sind, weil man ihnen diese Eigenschaften in der Hauptsache zuschreibt.

    Die Wahl der Adjektive zeigt, wie Sie die Welt sehen. Menschen in Klassen oder Kategorien einzuteilen, hilft zwar dabei, einige Dinge besser zu verstehen, gleichzeitig beschränkt diese Methode einen darauf, den Menschen auch in einem anderen Licht betrachten zu können.

    Heraus kommt ein sehr resignatives Bild des Menschen an sich.
    Und das sagen Sie zum Schluss auch. Dass der Mensch nicht gut sei. Dass er nicht gleich sei, ist hingegen leicht zu erkennen und das müsste prinzipiell Ihre Betrachtung der drei Phänotypen zumindest ein wenig aufrütteln, da Sie diese ja gleichsetzen mit einem beachtlichen Teil der Gesellschaft (wobei es sich hier um Minderheiten handelt, die der Mehrheit scheinbar Angst machen).

    Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass man die Beispiele auch anders hätte wählen können. Ob das dann richtiger oder falsch wäre, sei dahin gestellt.

    Ich gehe davon aus, dass sich unter uns auch noch andere Personen tummeln: Familie Emsig, Herr Tüftler, Karate-Kid, Frau Koch-Kunst, Mutter Care-good, Oma Redetgern, Opa Enkelspieler, Herr Unternehmer, Frau Gucklöcherindieluft, Herr Tunichtgut, Frau Besserwisser und so weiter und so fort.

    Grüße
    E. Reglin-Hormann

    • neglectable Says:

      In der Sache an sich ist Ihre Bemerkung absolut richtig. Auch der Gegensatz der Ansätze „Der Mensch ist nicht gleich“ und einer Kategorisierung ist offensichtlich und soll es auch ruhig sein.

      Aber empirische Ansätze haben eben genau jenen Nachteil, daß sie gerade nicht 80 Millionen Bürger als Einzelfall betrachten können. Wenn Sie versuchen Gesagtes vom Wertenden zu befreien, also meinetwegen die Herren X, Y, und Z, oder Menschen A-Z – oder sogar, wenn Sie das Wertende positiv umformulieren: das Ergebnis ändert sich nicht:

      Es besteht eine nicht geringe Wahrscheinlichkeit, daß zusätzliche Leister zu Leistungsnehmern werden. Es besteht, meinetwegen, auch die Möglichkeit, daß einige tatsächlich motiviert werden und zu Leistern werden. Es ist aber naiv, letzteres anzunehmen, nur weil der Grundgedanke des BGE aus humanistischer oder sozialer Motivation heraus entstand. Vor allem zeigt es also, daß ein solcher Systemwechsel nicht abschätzbar ist.

      Dieser Charakter alleine mag für progressive Zeitgenossen noch kein ausreichender Grund sein. Aber: es existiert ein funktionierender Transfermechanismus des sozialen Ausgleichs! Die Bezugshöhen und die Anspruchsverwaltung mögen Gegenstand einer Diskussion seien, aber es gibt ihn. Ergo besteht auch keine Notwendigkeit für einen Ersatz durch das BGE.

      Das macht das BGE zu einem gefährlichen Experiment! Und ich mag ja ein bekennender Misanthrop sein, aber ich bin gegen gefährliche Experimente auf dem Rücken der Gesellschaft.

  2. erika42 Says:

    da werden wir uns wohl nicht einig, da wir dieselbe Sache unterschiedlich bewerten. Während ich der Meinung bin, dass das Experiment BGE – insoweit es gut durchdacht und ordentlich vorbereitet wird – eine Chance ist, sehen Sie es als gefährlich an.

    Ich hingegen finde es riskant, die Systeme so zu belassen wie sie sind und mit den gängigen Modellen weiter zu arbeiten. Vor allem, wo sich die Voraussetzungen so drastisch verändert haben. Unser heutiges System (Steuern und Sozialversicherung) beruht auf einer gesunden Zahl von Erwerbstätigen und Fähigen, die eine ausgeglichene Balance zwischen „Leistungsempfängern“ und „Leistern“ herstellt. Die Balance ist aber bereits jetzt nicht mehr vorhanden. Sie sagen, dass es einen funktionierenden Transferausgleich gibt. Damit bleiben Sie in der Gegenwart. Was ist mit der Entwicklung, die sich in der Zukunft abzeichnet? Ich habe dazu einen Artikel geschrieben, vielleicht mögen Sie den lesen http://bedingungslosesgrundeinkommen.wordpress.com/2010/02/28/arbeit-ohne-ende/

    Welche Lösungen und zukunftsfähigen Modelle gilt es zu identifizieren? So lange es keine anderen Vorschläge gibt – vor allem in der bereits ausgereiften Form wie das BGE – fände ich es fatal, sich gegen dieses sehr sinnige Konzept auszusprechen und dem die Annahme voranzustellen, dass der Mensch an sich nicht gut sei. Mit dieser Aussage stellen Sie die Absichten derjenigen in Frage, die sich überhaupt für das Wohl der Allgemeinheit einsetzen wollen. Würde ich anerkennen, dass der Mensch böse ist, würde ich nicht einen einzigen sinnvollen Gedanken weiter verfolgen und würde in Stagnation verfallen, wenn ich nicht selbst irgendein böses Potenzial oder Gewaltbereitschaft in mir trüge, um dieser hoffnungslosen Aussage mit irgend etwas zu begegnen. Doch am Menschenbild lässt sich nicht rütteln. Sie haben Ihres, ich habe meins. Moral und Ethik bestimmen eines jeden Einzelnen Wahrheit.

    Auch das Gleichpinseln des Menschen kann ich nicht erkennen. Wie soll ein Grundeinkommen bewirken, dass ich irgendwem ideologisch schäfchengleich folgen soll? Im Gegenteil, ich hätte tatsächlich die Freiheit, mir auszusuchen, wen ich als ernsthaften Gesprächspartner wähle, allein schon bei der Wahl eines künftigen Arbeitgebers, von dem ich mir einiges mehr erwarten würde, als dass er mir mein monatliches Salär überweisen würde. Ohne die Angst im Rücken, meinen Arbeitsplatz zu verlieren, weil ich vielleicht unangepasst, unbequem oder zu selbstständig bin, würden viele Menschen meiner Meinung nach eher ihrer Wege gehen und entweder ein eigenes Business aufmachen oder aber mit Menschen zusammenarbeiten, mit denen sie besser können bzw. bei Unternehmen, die ihnen persönlich mehr zusagen.

    Über unsere unterschiedlichen Positionen kommen wir nicht hinweg: Sie sehen im Grundeinkommen eine Entmündigung, während ich darin die Chance auf persönliche Souveränität sehe. Ich mutmaße also, dass Sie glauben, dass Menschen wie ich in der Minderheit sind und Menschen, die das pessimistisch betrachten, in der Mehrheit. Beides ist nicht bewiesen, weil man es tatsächlich nicht beweisen kann.

    Also wären wir wieder beim Risiko.

  3. Jiri Says:

    Zunächst las ich deine Erörterungen und Vergleiche mit eigem Intresse, jedoch zeigte mir deinen Umgang mit dem Thema schnell eine unangemessene Pauschalisuerung und kategorisierung. Werde zu einem Späteren Zeitpunkt weiter drauf eingehen.
    Insgesamt hast du das Prinzip dieses Denkens nicht wirklichch verstanden sondern versuchst es immer noch in dein dir anerzogenes Korsett zu zwängen. Das da zuerst heist,Arbeitskraft=Leistung=Energie. Das ist ein physikalisches Prinzip aber auch nur eine Warheit.
    Eine andere dieser Warheiten die sich auf deinem Prinzip aufbaut lautet demnach: Herr Ackermann leistet jeden Tag 200 mal soviel wie ein durchschnittlicher Handwerker.
    eine weitere deiner Aussagen beinhaltet Arbeit zum Erwerb von Monetärer Wertschöpfung ist vorrangig Sozialer Arbeit zu betrachten.
    Und zu guter aller letzt gehst du soweit und wirst zum Darwinist der aussagt, alles was sich nicht anpassen kann und die Arbeit die gesellschaflich akzeptabel und wertschöpfend zu leisten ist nachgeht muss weg.
    Ich möchte nicht weiter auf die Wichtigkeit gerade derer die nicht gesellschaftlich funktionieren eingehen. Nur wäre unsere Entwicklung als Mensch nicht der der des heute ist.
    Ich überlasse es dir dieser Frage von Genie und Autismus, sowie Sozial und Ökonomisch, ebenso Kunst und Bauwerkstatik durch deine Neuronen zu hetzen. Um vorurteilsfrei nachzudenken.

    • neglectable Says:

      Jiri, zunächst, kannst Du das bitte neu Formulieren, das ist leider völlig unverständlich: „eine weitere deiner Aussagen beinhaltet Arbeit zum Erwerb von Monetärer Wertschöpfung ist vorrangig Sozialer Arbeit zu betrachten.“
      Weiter habe ich nirgendwo, auch nur Ansatzweise die unterstellte Ansicht vertreten, daß weg müsse, „was“ nicht arbeiten könne. Die vorgenommene Kategorisierung ist ein empirischer Ansatz, nichts weniger. Ich bin mit der Methode nicht glücklich, aber sie erfüllt den Zweck.

      Ich fürchte eher, von Dir nicht verstanden worden zu sein. Daher freue ich mich auf eine sachlichere Auseinandersetzung mit meiner Argumentation wie für später von Dir angekündigt.

      Deinen Nachtrag lasse ich mal so stehen, auch wenn ich meine, daß der Vergleich gewaltig hinkt.

      erika24, auf Ihren kommentar werde ich hoffentlich bald ausführlicher eingehen können.

  4. Jiri Says:

    Nachtrag:
    Auch in den USA gibt es seit Jahrzehnten eine Ähnliche Debatte, in der der Untergang des Abendlandes, Anarchie und der Teufel an die Wand des Weißen Hauses gemalt wird. Zugegeben da geht es nicht um Bedingungsloses Grundeinkommen. Sondern um den Schritt eine gesetzliche Krankenkasse und ein Solidarpakt zur Ärztlichen Versorgung aller zu installieren.
    Wir Europäer,Kanadier,Australier und alle anderen die das zu schätzen wissen, würden sagen, Amerika versucht aus dem Dunkel des Mittelalters in die Renaicance zu treten.
    Ahnliches sehe ich bei dem Bedingungslosen Grundeinkommen. Ein Schritt in ein neues Denkmuster und Befreiung Antiquierter Vorstellungen die dem Individuum etwas gerechter wird.

  5. erika42 Says:

    Ich komme gerade aus den Vereinigten Staaten zurück. Dort ist das Leben um einiges härter als bei uns. Die Leute, mit denen ich geredet habe, sind allesamt für diese Neuerung im Gesundheitswesen. Es sind normale Menschen von der Straße, die sich bewusst sind, dass Krankwerden gleichzeitig einen gesellschaftlichen und sozialen Ruin bedeuten kann. Genau wie Arbeitslosigkeit. Damit kommt man immer wieder auf das gleiche Thema zurück. Wer ohne Arbeit ist und zudem noch gesundheitlich angeschlagen, hat in den Systemen, die alle auf definierte Leistung geeicht sind, keine Chance. Tatsache ist, dass alle, jeder Einzelne, irgendwann von Krankheit oder Alter heimgesucht wird. Die bestehende öffentliche Fürsorge kann nicht mal im Ansatz ein menschliches Miteinander gewährleisten. Jeder kämpft allein für sich.

    Die Beurteilung von Leistung kann sich gegenwärtig gar nicht verändern, wenn wir Leistung allein mit Erwerbsarbeit gleichsetzen. Jegliche andere Leistung, wie Kinder erziehen, sich um Angehörige kümmern, Ehrenamt wird im Vergleich geringer bewertet und kulturelles Leisten im Sinne von Kunst, Musik und Kultur hat nur eine Chance, wenn es sich kommerzialisieren lässt. Die Kunst- und Kulturtempel der Gegenwart lassen sich entweder nur über Subventionen oder ein Massenpublikum aufrecht erhalten. Dieser Sektor ist sehr ökonimisiert.

    Das nur mal am Rande.

    • neglectable Says:

      Nun, ich glaube hier vermischen Sie, was Sie vorher schön getrennt haben. Einerseits sagen Sie Leistung und Erwerbsarbeit wäre nicht das Gleiche, um dann die Anerkennung der Leistung, eben Ehrenamt, Fürsorge usw. zu bemängeln. Ich bin überzeugt, die Anerkennung ist da. Sie setzen aber in Ihrem Schluß die Anerkennung wieder mit der Bezahlung gleich: die geringere Bewertung dieser Leistungen. Oder wo sehen Sie sonst die Bewertung als geringer an?


  6. […] 8, 2010 Nein. Soviel vorab. Im Folgenden möchte ich, als Antwort auf die Kommentare von Frau Reglin-Hormann und auf ihren beachtlichen Artikel über die Änderung von Arbeit, darauf eingehen warum das […]


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