Reflektionen zum Aprilscherz

April 1, 2010

Der erste April also. Tag der Scherze, des „derbleckens“ und hereinlegens. Unter diesem Gesichtspunkt also der ideale Tag, um öffentlich über Ostern zu reflektieren.

Fundamentale Voraussetzung: was ist das eigentlich, Ostern? Eine kleine Auswahl wäre

  • Christliche Freudentage nach Trauertag (Karfreitag),
  • ein verlängertes Wochenende oder
  • eine Zeit der Familienzusammenkunft

und dergleichen. Nach Wikipedia ist es zusammenfassend die Zeit von 50 Tagen beginnend mit dem Verschwinden eines Leichnams, noch dazu dessen eines trotz Bekanntheit verarmten, aufrührerischen Zimmermanns, vor rund 2000 Jahren. Offensichtlich war auch zu jener Zeit das Verschwinden von mausetoten Leichen nicht alltäglich, denn es wurde immerhin zum Anlass des erfolgreichsten Marketings der Menschheitsgeschichte stilisiert. Oder zur erfolgreichsten Verschwörungstheorie dieser Gattung. Der Mensch ist schon eigenartig.

Ganz ähnlich dem Gedanken, wer und wieso denn zuerst die Giftigkeit von Arsen erkundet hat, oder die Nahrhaftigkeit von schimmelnder Milch (heute als Käse bekannt), fragt man sich hier: wie kommt man drauf? Das Verschwinden von Leichen stand zu jener Zeit mangels derselben wohl in keiner Zeitung. Dennoch hat ein kreativer Kopf davon erfahren und eine Story daraus gemacht, die innerhalb kurzer Zeit ganze Gesellschaftssysteme auf den Kopf stellte. Religionsstiftung ist an sich kein schwieriger Prozess, es muß nur genügend Angst und Zweifel durch genügend Versprechen ersetzt werden – wobei etwas Zweifel und Angst bleiben dürfen. In Zeiten ohne Facebook und Xing ist das Problem der sozialen Vernetzung, kurz der Transport der Heilsbotschaft, allerdings enorm. Welchen Aufwand die Marketingstrategen Saul und Simon und Konsorten damals für virales Marketing betreiben mußten, ist heutzutage nicht mehr vorstellbar. Und auch kaum nachzuvollziehen. Sich mal eben auf ein Bier zusammenhocken und eine Religion gründen. Ein Fischer und ein Pharisäer. Respekt.

Wie geht sowas? Ich meine, in dem Ausmaß, in dem das Christentum heute dasteht – namentlich im neuen Testament – wurde die Story anfänglich sicher nicht gestrickt. Viele kreative Köpfe haben später ihren Senf dazu gegeben. Lukas, Markus, Matthäus, Toni und Klausi und wie sie alle hießen. Alle stellten Sie dem Gesagten etwas hizu, ganz Stille Post. Erst später soll dann ein Konzil, eine Diäzöse oder ein Verein christlicher junger Männer das Ganze mal gesichtet haben, den völligen Nonsens weggeschmissen und dem Essay etwas Struktur verpasst haben. Ab da wurde die Glaubensgemeinschaft zur Kirche, war der chaotische Haufen „under new management“ . Soweit so gut.

Interessanter ist für mich allemal, wie es vorher besagtem Pharisäer, Fischer und ein paar anderen, ältlichen Jüngern gelang, eine krude Story um einen fehlenden Körper zu basteln und glaubhaft unter das Volk zu bringen. Oder andersherum, welche Voraussetzungen bringt eine archaische Gesellschaft mit, um da nicht einfach zu sagen: „Hey, wohl an Pessach zu tief in den Krug geschaut, wie?“

Wir haben da eine bunte Gesellschaft aus Aramäern, Armeniern, Byzantiner, Hebräern, Jabusitern, Samariter, Judäer, Stalaktiten und wer weiß was noch, ziemlich schikaniert von römischen Besatzern. Weiters haben wir mindestens lokal verbreitet das Judentum, bereits seit knapp 1500 Jahren gesicherte Einkommensquelle für dortige Priesterschaften und somit ziemlich selbstbewußt.  Naja, und eben die Römer. Der Herodes, Sohn des Herodes hatte sich eben mit einem Tempel verewigt und über den Präfekt Pilatus scheiden sich die Geister. Okay, er war vielleicht ein Anti-Semit, aber laut Bibel ja nur formaljuristisch für den Tod des Zimmermanns verantwortlich. Moralisch wär das den Juden zuzuschreiben, die ohnehin schon jahrelang auf- und herumwiegelten, gegen die Besatzungsmacht. Was man so liest, ergibt sich jedenfalls eher das Bild von einigen Möchtegern-Anarchen, eher gleichgültigen Präfekten mit Erfahrung im blutigen Abwiegeln – die sich im Folgenden die Klinke in die Hand gaben – und jenen quertreibenden Aposteln. Insgesamt fast ruhiger als heutzutage.

Und das soll der Boden für eine Weltreligion sein? Der Mensch ist wahrlich eigenartig. Tatsächlich haben unser tapferen Marketingmissionare der ersten Stunde ja auch eher in fremden Gewässern missioniert, gerade der Pharisäer ist rumgekommen wie ein Neckermann-Kunde. Und es finden sich ja nicht nur Juden als Zielgruppe, auch bekennende Heiden hat der Mann umgedreht und requiriert.

Wie hat er das bloß gemacht? Seine schwülstigen Briefe geben darauf auch nicht unbedingt eine Antwort, sie dienen ja mehr der Fernsteuerung bereits etablierter Gemeinden. Kann man heute noch nach Ephesus, damals so groß wie Rostock heute, reisen, sich befristet eine Wohnung anmieten und auf dem Marktplatz die hiesigen Griechen bezirzen? Ihnen vielleicht ein paar Staatsanleihen aufschwatzen dürfte einfacher sein, als von  Predigten und Erscheinungen eines Handwerkers zu erzählen, den man selbst garnicht kannte. Skepsis ist angebracht, heute wie damals.

Mal unter uns Betschwestern: Der spätere Paulus war aus gutem Haus, beste Ausbildung und versehen mit römischem Bürgerrecht. Offensichtlich hatte er Zeit, Geld genug für ausgedehnte Lust – bzw. Missionsreisen, und phantasievolle Freunde mit Freundesfreunden unter Fischern und Zimmerleuten. Der Schalk saß ihm im Nacken, oder ist selbst auf einen Aprilscherz hereingefallen, und so er hat sich ein paar Prediger zur Verbreitung einer Top-Story gekauft. Gestorben ist er übrigens vermutlich, ganz im Sinne eines unbewußten Nachahmers bin Laden, als Märtyrer. Der Mensch und seine Geschichte sind unglaublich eigenartig.

So, die beiden größten Mißverständnisse, der Aprilscherz und das Christentum, wurden hier also endlich aufgeklärt.

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One Response to “Reflektionen zum Aprilscherz”


  1. […] ich die Reflektionen zum Aprilscherz schrieb, habe ich diesen Teil des Marketingaspekts unterschlagen: besagte Leidensgeschichte. Wieso? […]


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